Reaktionsgeschwindigkeit

  • In einem anderen Thread hatte sich ein kleiner Nebenstrang aufgetan, der thematisch sicher hier besser aufgehoben ist. Darüber hinaus ist das Thema sicher einen eigenen Thread wert.

    Die Ausgangslage war das Hick´sche Gesetz. Dieses besagt, dass die Reaktionsgeschwindigkeit indirekt proportional mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zur Reaktion steigt.

    Hier nochmal der Link zum entsprechenden Wikipedia-Eintrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Hicksches_Gesetz

    Diese Gesetzmäßigkeit lässt sich eigentlich in fast allen Bereichen des Lebens finden, die mit Aktion und Reaktion zu tun haben. Im Bereich KK/KS/SV wird das Thema aber besonders wichtig, da es maßgeblich darüber Auskunft gibt, wie effektiv ein System in der SV sein kann.


    Meine Aussage war dazu: Traditionelle KKs/KSs sind für eine reale SV u.a. nicht geeignet, da sie meistens ein großes Repertoire an Techniken für eine einzelne Situation vorweisen ("Kann man so machen, aber auch so...oder so...")

    Das ist eigentlich der Ausgangspunkt des Themas zur Eröffnung hier. :)


    An dem Punkt hat Smoo dann eine interessante Frage gestellt:

    Also, das Hicks-Law hatte ich komplett vergessen. Habe immer nur darauf hingewiesen, dass eine Fülle an Techniken die Reaktionsgeschwindigkeit herabsetzen - also vielen Dank hierfür.


    Ich frage mich hier, wie es sich auswirkt, wenn man in einer Situation steckt und sich selbst beschränkt auf eine geringe Auswahl, inwiefern dies dann einen Reaktionsvorteil sichert. Jetzt ändert sich die Situation und ich konzentriere mich aus den drölfzig tausend gelernten Techniken, wieder nur auf vier. Wäre das dann ein sicherer Garant für das "hochhalten" der Reaktionsgeschwindigkeit, oder ist dafür einzig und allein die im Gedächtnis gespeicherte Masse an Techniken der maßgebliche Faktor.

    Also: Falls es mir gelingt mich mental so gut im Griff zu haben, dass ich die "in Betracht zu ziehenden" Möglichkeiten sinnvoll begrenzen kann, wäre die Reaktionsgeschwindigkeit im geringeren Maße beeitnrächtigt? Eigentlich ein eigener Thread wert, aber ich dachte, als kleinen Nebenstrang doch eigentlich ganz OK

    Natürlich ist eine Beschränkung auf einen gewissen Teil an gelernten Techniken sinnvoll. Anstatt also alle Techniken für EINE bestimmte Situation gleichermaßen zu trainieren sollte man sich wenn möglich, für eine entscheiden.

    Ds Problem hierbei ist, dass wir die anderen Techniken eben auch gespeichert haben. Da unser Gehirn assoziativ arbeitet wird es also trotzdem alle verfügbaren Möglichkeiten durcharbeiten und wählen oder verwerfen.

    Ich würde also sagen: JA, die Reaktionsverzögerung sinkt durch das "Sich Begrenzen", liegt aber immer noch über einem möglichen Mindestmaß. Und es wäre ein riesiges Maß an Training notwendig, um die Technik dann auch so einzuschleifen.


    Hier liegt das nächste Problem (bleiben wir mal beim Beispiel TKD): Die gelernten Techniken entsprechen überhaupt nicht den Körper-eigenen Reflexen. Es werden bestimmte Bewegungen ausgeführt (z.B. der klassische Block, dessen Namen ich nicht kenne ^^), die nichts mit einem natürlichen Schutzreflex des Nervensystems zu tun haben. Man muss also erst den natürlichen Reflex durch eine "unnatürliche" Bewegung überschreiben, was viel Zeit kostet und am Ende wesentlich weniger effektiv ist.

    Deswegen bin ich auch der Ansicht, dass nur Systeme, die auf natürlichen Schutzreflexen aufbauen, also extrem "Basic" sind, wirklich wirkungsvoll eingesetzt werden können. Da wären wir dann auch beim Thema Hochstress und Angst.


    Einen Garant für geringe Reaktionszeit gibt es nicht. Man kann gemäß Hicks Law die Reaktionszeit möglichst gering halten, indem man die Auswahlmöglichkeiten ebenfalls gering hält. Das ist messbar. Leider spielen im Zusammenhang mit SV ja auch noch ganz andere Faktoren eine Rolle (Erstarren, Schock, Wahrnehmung, etc.)

    "In reality based self defense, there are no 100%...if you want a guarantee, buy a toaster!"

    - Tony Blauer

  • Mit den Aussagen stimme ich nicht überein. Mit der Zeit kristallisieren sich in der SV bestimmte Bewegungsmuster heraus, die funktionieren.

    Und um das zu erlernen, die Festplatte zu programmieren, übt man bestimmte Techniken immer und immer wieder.

    Irgendwo habe ich gelesen und kann es auch aus eigener Erfahrung bestätigen - im TKD ist es ein langer Weg bis dahin und wenigsten sind bereit den zu beschreiten. Wer sich 'nur' aufs fokussiert hat, für den gibt es schnellere Wege.

    Aber TKD ist für mich persönlich nicht (nur) zur SV, es ist mein Lebensweg.

    Und unter diesem Aspekt beinhaltet es alles, was ich brauche und bisher brauchte.

  • Drax, ich widerspreche dir da auch gar nicht. Ich hatte ja gesagt, dass das Umprogrammieren sehr lange dauert, aber natürlich grundsätzlich möglich ist. Auch in der SV übt man die Sachen ja durch Drills. Nur weil etwas auf Reflexen beruht, heißt das ja nicht, dass man es einfach so anwenden kann. Ich würde dieses Problem mal Reibungsverlust nennen. "Nichts ist besser als das Original" sozusagen. ;)

    Da sind wir schon einer Meinung.


    Aber TKD ist für mich persönlich nicht (nur) zur SV, es ist mein Lebensweg.

    Und unter diesem Aspekt beinhaltet es alles, was ich brauche und bisher brauchte.

    Ich wollte mit dem Beispiel auch nicht das TKD abwerten. Ich habe vor dem TKD genauso wie vor jeder anderen Kampfkunst großen Respekt...und mehr Respekt noch vor denen, die den langen Weg, eine Kampfkunst zu studieren, beschreiten.

    Ich hatte das Beispiel lediglich gewählt, da es in dem anderen Thread kurz angerissen wurde.

    Meine Aussagen beziehe ich auf alle KKs/KSs, die nicht per se zur realistischen SV entwickelt wurden (Stichwort: Combatives)

    "In reality based self defense, there are no 100%...if you want a guarantee, buy a toaster!"

    - Tony Blauer

  • Es ist ein Unterschied, ob ich Technikbasiert trainiere oder Prinzipienbasiert.

    Bei letzterem spule ich nur fest eingeschliffene Abläufe runter, beim anderen arbeite ich intuitiv.

    Du schlägst zu wie ein Vegetarier!

  • Moin Perath,

    Einen Garant für geringe Reaktionszeit gibt es nicht. Man kann gemäß Hicks Law die Reaktionszeit möglichst gering halten, indem man die Auswahlmöglichkeiten ebenfalls gering hält.

    Ich hake hier noch mal ein.


    Ist das Geringhalten der Auswahlmöglichkeiten nun auf die Speicherung im Langzeitgedächtnis bezogen, oder auf die "mentale Fokussierung" meiner "in der Situation nützlichen" Techniken?


    Der erste Teil meiner Frage zielt darauf, dass ich schon von vorne herein keine Wahlmöglichkeiten habe über 4 Optionen hinaus.

    Der zweite Teil meint, dass zwar eine Fülle an Techniken vorhanden ist, aber ich eben nur innerlich 4 Optionen in Betracht ziehe - fokussiere.


    Ich denke dabei in etwa an unsere Fähigkeit zu sprechen. Wenn wir uns unterhalten würden, würde ich, egal worüber wir quatschen, nur selten lange zögern, um dir eine Antwort zu geben. Zögern würde ich, wenn sich ein komplexes Thema auftäte, bei dem man naturgemäß auf die Gefühlslage aufpassen muss oder einfach bei welchem meine intellektuellen Fähigkeiten beschränkt sind... z.B. wenn wir uns über Autos unterhielten. :D

    Analog zum Kampf: Da ist mir ja der geringste Schaden am Liebsten (für alle Beteiligten), aber wenn es komplett eskaliert, muss man auch Ausschalten können - ultima ratio.


    Das "Reflex" basierte Training? Hast du eventuell einpaar Links zu Videos dazu, Buchempfehlungen, eigene Erläuterungen, die das verdeutlichen könnten? Ich kenne eigentlich fast nur zwei Techniken hierzu:

    1. Die Armehochreißbewegung, wenn man von vorne geschubst wird. <- kann man angeblich in eine Fangbewegung mit Ohrfeige kombiniert "uminterpretieren" und dann herrlich schmeißen (Fußfeger und Sichel gehen hier beide).

    2. Die Überfall Gerade, wenn man "stolpert" <- der ist fies :D


    FG

    Und selbst wenn du Spagat könntest, hinter her dankt es dir sowieso keiner. - Vater Smoo

  • Meine Aussage war dazu: Traditionelle KKs/KSs sind für eine reale SV u.a. nicht geeignet, da sie meistens ein großes Repertoire an Techniken für eine einzelne Situation vorweisen ("Kann man so machen, aber auch so...oder so...")

    Das ist eigentlich der Ausgangspunkt des Themas zur Eröffnung hier. :)

    Dem kann ich zu 100% zustimmen. Als ich im Ju-Jutsu begann, warb das System mit dem Slogan "1000 Techniken für 1000 Gelegenheiten". Auch heute noch ist das Ju-Jutsu mit Techniken nur so vollgepumpt. Was man dann allerdings im Ju-Jutsu-Wettkampf sieht, ist alles andere als Ju-Jutsu: Sobald nichts mehr abgesprochen wird und man improvisieren muss, was man gerade in Systemen, wie das Ju-Jutsu, nicht trainiert, wird es haarig. Im Wettkampf muss man improvisieren und - bums - sieht das alles schon ganz anders aus. Nichts mit Souverenität, nichts mit Eindeutigkeit und nichts mit "das wirkt 100%ig".


    Auch seit Sifu Kernspecht und seinem Buch "Vom Zweikampf" weiß man, dass - je mehr Entscheidungsschritte der Verteidiger durchführen muss - die Reaktionszeit leidet. Die hierbei entscheidende und auch durch noch so viel Training nicht zu veränderbare Größe hierbei heißt "Nervenreizleitgeschwindigkeit". Der Verteidiger benötigt dabei grundsätzlich ca. 1/10 Sekunde, also 100 Millisekunden, um einen Angriff wahrzunehmen und zu verarbeiten. Dabei wurde noch keine Verteidigungshandlung vorgenommen. Nun muss man sich vorstellen, dass die meisten Systeme folgendermaßen unterscheiden: Angriffe von oben, mitte, unten, dann von rechts und links und dann wiederum gerade, als haken, als uppercut oder overhead. Das macht insgesamt 12 Angriffsmöglichkeiten mit der Hand und wiederum 12 mit dem Fuß. Insgesamt also 24 Angriffsmöglichkeiten. Im Training ist alles abgesprochen und man weiß, wie jemand angreift. Im Wettkampf oder der Straße ist nichts abgesprochen.


    Die Regel ist: Je weniger Entscheidungsschritte, desto geringer die Reaktionszeit. Nun haben wir also diese o. g. Zehntelsekunde, die unser Gehirn auf jeden Fall benötigt, um "zu schalten", wobei noch keine körperliche Aktion durchgeführt wurde. Es fehlt also noch eine körperliche Reaktion auf den Angriff, die "Blockzeit", die - sehr gut gerechnet - bei etwa 0,15 Sekunden liegt. Eine gesamte Abwehrzeit beträgt also - im absolut günstigsten Fall - 0,25 Sekunden. Frage wäre, wie schnell denn so ein durchschnittlicher Angriff dauert? Wenn dieser mit 0,15 bis 0,2 Sekunden gut berechnet ist, ergibt sich allein hieraus bereits das Problem: Ein Angriff mit längstens 0.2 Sekunden steht einer Abwehrhandlung - im günstigsten Fall - mit 0.25 Sekunden gegebenüber. Bedeutet: Man ist hier bereits physikalisch besiegt.


    Daher gilt im Training für die Straße, diese Nachteile durch ein Training zum Beispiel von improvisierten Drills und die Verbesserung von Attributen, wie z. B. Antizipation auszugleichen. Hierzu gehört natürlich auch das Einstudieren von Verteidigungshandlungen, die nicht zwischen allen o. g. 24 Angriffsmöglichkeiten unterscheiden müssen, denn: Je mehr Verteidigungshandlungen, umso mehr Entscheidungsschritte, was die o. g. gesamte Abwehrzeit exorbitant steigen lässt. Man muss also so wenig Verteidigungsmöglichkeiten wie möglich im Repertoire haben, um damit so viele Angriffsmöglichkeiten wie es geht abzudecken.


    Letzter Gedanke: Viele philippinische Sportarten haben nicht umsonst ein DREIECK als Emblem ihrer Sportart. Neben dem, dass sie häufig ihre Bewegungen nach einem Dreieck ausrichten, hat das Dreieck im Jeet Kune Do noch eine andere, philosophische Bedeutung: Ganz unten stehen die Grundtechniken. Man verschafft sich eine umfangreiche und breite Basis, lernt alles kennen und trainieren, was es gibt. Je länger man trainiert, umso höher steigt man im Dreieck. Man stellt fest, dass diese oder jende Technik nicht zu einem passt, sie Probleme bereitet und für einem in der Anwendung zu unpraktisch ist. Das hat auch etwas mit Vorlieben zu tun, der eine kickst und boxt lieber, der andere kämpft lieber im Infight, uws. Je höher man also im Dreieck steigt (je länger man trainiert), umso mehr Techniken werden "über Borad" geschmissen, die nicht zu einem passen. Bis man letztlich ganz oben an der Spitze des Dreiecks angekommen ist. An dieser Stelle hat man nur ganz wenige Techniken zur Verfügung, die man aber völlig beherrscht und - sozusagen - aus allen Ecken und Winkeln abschießen kann.


    Alles in Allem: Weniger ist mehr! Weniger Techniken, die man anwenden muss, weniger Entscheidungsschritte für die Abwehr. Eigentlich völlig logisch, aber - wie sooft - findet die Logik nicht immer ihren Zugang in die Kampfkunst.

  • Je mehr Verteidigungshandlungen, umso mehr Entscheidungsschritte, was die o. g. gesamte Abwehrzeit exorbitant steigen lässt. Man muss also so wenig Verteidigungsmöglichkeiten wie möglich im Repertoire haben, um damit so viele Angriffsmöglichkeiten wie es geht abzudecken.

    Meiner bescheidenen Ansicht nach ist die Thaideckung hier die beste Wahl.

    - Deckt Schläge

    - Tritte

    - Sperrt Clinch


    Bei Ringern sieht man blöd aus :P Muss man halt immer mal wieder "Catchdefense" üben, damit man gar nicht erst gepackt wird. Im traditionellen Thai, das also nicht auf Wettkampf aus ist, wird hierzu auch der Doppelellenbogen senkrecht in den Rücken trainiert, wenn man getacklet wird...


    Also ganz blöde isses dann doch nicht.


    Paladin schrieb:

    Viele philippinische Sportarten haben nicht umsonst ein DREIECK als Emblem ihrer Sportart. Neben dem, dass sie häufig ihre Bewegungen nach einem Dreieck ausrichten,



    M.E. basieren alle KSa/KKa auf Dreiecken und Kreisen...

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  • Das "Reflex" basierte Training? Hast du eventuell einpaar Links zu Videos dazu, Buchempfehlungen, eigene Erläuterungen, die das verdeutlichen könnten? Ich kenne eigentlich fast nur zwei Techniken hierzu:

    Hier mal ein Link zu einem Video von Tony Blauer. Der hat zu dem Thema eigentlich alles gesagt (und wie es seine Art ist, noch viel mehr! :D )


    Das Video ist recht ausführlich, deswegen hier von mir die Kurzfassung:

    Unsere natürliche Reaktion auf einen Angriff (oder alles, was uns schnell und unerwartet entgegen kommt) ist es, unsere Hänge zwischen uns und die Gefahr zu bringen. Ob das jetzt eine nach vorne gerichtete Bewegung oder ein "passives" Decken vom Kopf ist, ist dabei unerheblich.

    Lässt sich ganz einfach ausprobieren. Wirf einem Trainingspartner einen Medizinball an den Kopf. Er wird automatisch seine Arme hochnehmen und den Ball entweder fangen oder abwehren. Das ist Reflex, der Körper will das Gesicht/den Kopf schützen.


    Diese "Keil"-Bewegung ist eigentlich inzwischen Standard in den meisten SV-Systemen wie dem SPEAR oder dem ALPHA. Aber die haben´s natürlich nicht erfunden. Diese keil-förmige nach Vornebewegung in den Gegner rein finden wir im Wing Chun oder auch in den meisten FMAs.

    Ich habe Blauer deswegen verlinkt, weil er sein ganzes System eigentlich auf diesen einen Moment des ersten Kontaktes ausgerichtet hat. Er spricht in dem oben verlinkten Video vom "Jack in a Box"-Moment, oft auch "Oh Shit"-Moment.


    Der Vorteil der Hybrid-Systeme ist hierbei, dass sich die nötige Armhaltung im Vorfeld erstmal als eine deeskalierende Handhaltung auslegen lässt. Das ist beim Muay Thai nicht der Fall, hier wird klar die Kampfhaltung deutlich. Aber die grundlegenden Konzepte sind auch hier vorhanden.

    Die Abwehr gegen Takedowns ist im MT insofern schwierig, als dass die Deckung sehr weit oben gehalten wird, um effektiv mit den Ellenbogen arbeiten zu können. Gegen einen Waist-Tackle sieht man da schnell alt aus. Das lässt sich in so gut wie jedem MMA-Fight toll beobachten.



    Die Mathematik zu diesem Konzept hat Paladin ja schon sehr deutlich und nachvollziehbar dargelegt. Danke dafür!

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    - Tony Blauer

  • Ich halte es wirklich lieber mit Sifu Keith R. Kernspecht, der dieses Thema in seinem Buch "Vom Zweikampf" bereits 1987 (!) aufgriff und wissenschaftlich darstellt. Alle anderen erklären im Grunde genommen das gleich, nur mit anderen Worten und anderen Beispielen. Das ist so wie immer in der Kampfkunst: Viele Meister, Großmeister, Sifus u. ä. versuchen sich mit dem Wissen anderer zu profilieren und wissen irgendwann nicht mehr (oder wollen es vergessen), dass dieses Wissen nicht auf "ihrem Mist" gewachsen ist.


    Einfacher ausgedrückt: Der Ideen- und Gedankenklau ist nirgendwo stärker vertreten, als in der Kampfkunst. Allein dafür schäme ich mich als Kampfkünstler, weil man eigentlich als Meister (ich bin auch einer) schon deutlich machen sollte, was kommt von einem selbst und was nicht.


    Meine Erkenntnis: Als Meister erfindet man letztlich nicht die Welt neu, sondern formt immer nur sein eigenes, kleines Universum.

  • Perath

    Was ich jetzt noch nicht ganz verstehe ist, wie es aussieht mit dem Langzeitgedächtnis.


    Mir fallen da noch andere Fragen ein:

    Ist die Auswahl meiner Schlaghärte im Sinne der Stabilität beim Einschlag, und die Geschwindigkeit der Ausführung auch ein "verlangsamender" Faktor? Es wären ja dann nochmal zwei Optionen mehr.


    Also angenommen ich könnte 4 Techniken wählen differenziere aber noch in Ausführung: Hammeraufmkopf und Blitzeinschlag (also das eine tut weh und das andere klatscht halt nur).


    Dann müsste ja aufgrund des Mehr der zu verarbeitenden Informationen wiederum anzunehmen sein, dass ich bei einem Angriff bis zur Reaktion wieder etwas langsamer wäre, als wenn ich nur eine Ausführungsvariante kennen würde.


    Also es wären ja dann wieder 8... Wie viele Techniken lernt man denn dann sinnvoller Weise?


    Ich lerne ALLE Techniken auf zwei Weisen: Schnelle und gezielte Techniken ohne Schaden, fürs Techniktraining und auch zur Androhung für den Ernstfall, dass der andere weiß, dass es noch lustiger werden kann und halt auf die 100% Vollkontakt Ausgührung.


    Das macht im Grunde, wenn man sich nur dieser Extreme bedient, wenigstens den Faktor 2 aus. Dabei, arbeite ich auch noch manchmal "spielerisch" hoch in der Intensität, kann also auch mittel-leicht oder auch mittel-hart zu langen. Wäre schon Faktor 5 an Techniksammelsurium.


    Stichwort: Angemessenheit. (Nicht auf NW bezogen!!!)


    ----


    Einfacher ausgedrückt: Der Ideen- und Gedankenklau ist nirgendwo stärker vertreten, als in der Kampfkunst

    Den Spruch hast du doch von mir!


    :P


    Storymodus on:

    Angehender Profikämpfer im Boxen bekommt ständig Krämpfe in den Oberschenkeln. Die große Frage war, wie sich das vermeiden lässt. Ich komme daher... "Blablabla... Weizenkeimöl ist ein günstiger Versuch wert, nicht zu oft immer so 1 - 2 Esslöffeln. Nach zwei Wochen Training kann man anfangen zu reduzieren."

    Der Trainer watschelt zum, bis heute nicht entdeckten, "Neuling" mit mir im Schlepptau und lässt mich das ganze erklären - mitsamt unterstützenden Maßnahmen, die sonst noch sinnvoll waren.


    Großer Erfolg. Der Kerl kann vom nächsten Tag an endlich das ganze Training durchstehen.


    Es vergehen einpaar Wochen, da war der Vater zum Trainingsbesuch da und bedankt sich, weil noch kein Trainer die Krämpfe in den Griff bekommen hat. Darauf der Trainer "Ja meine Idee mit dem Weizenkeimöl und so hat wirklich gut funktioniert."


    :D


    Off


    Sorry, aber der fällt mir zum Ideenklau ein - ging damals auch um Sponsoren und so.

    Und selbst wenn du Spagat könntest, hinter her dankt es dir sowieso keiner. - Vater Smoo

  • Wie gesagt...wenn dein Gehirn eine Information abgespeichert hat, wird diese Information in einer passenden Situation auch abgerufen und bewertet. Im Sinne einer mentalen Fokussierung auf eine gewisse Technik hin zu trainieren wird dir durchaus helfen, aber das Problem nicht lösen: Du kannst zu viel! ;)

    Ich würde die ganze Sacher auch nicht verkomplizieren: Technik bleibt Technik, egal ob hart oder weich ausgeführt. Das zu Grunde liegende Bewegungsmuster ist das gleiche. Da muss das Hirn nicht sonderlich viel arbeiten.


    Natürlich sollten Themen wie Schlaghärte, Geschwindigkeit, Timing und Distanzschulung Bestandteil des Trainings sein...jede Technik lässt sich so quasi noch effizienter machen. Aber im Prinzip ist die Reduktion auf das Wesentliche erstmal im Vordergrund.

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    - Tony Blauer

  • Ja, ich denke ich habs soweit dann geschnallt.


    Ich glaube wir fahren im Moment gar nicht mal so schlecht mit unserem Training.


    Die Reaktion besteht bei uns darin, zunächst optimal zu decken (also aufzunehmen) und daraus dann optimal zu schlagen.

    oder

    ... darin auszuweichen, und dann optimal schlagen.

    oder

    ... darin zu fangen, und dann optimal zu schlagen/werfen/hebeln (nicht besonders viele Varianten).


    Der "Erstkontakt" wird bei mir und meinem treuen Trainingskumpel, der hier hoffentlich mitliest (Hallo ;) ) , sozusagen kontrolliert aufgenommen und dann hart gekontert. Meist mit einfachen 2er - 3er Kombos.

    Fester Bestandteil sind die genannten drei Reaktionen oben und um diese geht es hier ja gerade.


    Aber selbstverständlich machen wir auch einfaches Techniktraining. Das haben wir auch jetzt ziemlich lange und umfangreich gemacht. Wir üben auch "Überfälle", "verdeckte Angriffe" und "Killerkombinationen" <- aber das schreibe ich nur, weil ich etwas angeben möchte. :D


    P.S.: 1 x pro Woche Standardabhärtung gehört auch dazu. Kann ja mal passieren, dass man nicht optimal deckt.


    P.P.S.: Ich glaube ich weiß aber jetzt unser Training etwas besser anzupassen.


    Daher ein Danke schön!

    Und selbst wenn du Spagat könntest, hinter her dankt es dir sowieso keiner. - Vater Smoo

  • Wie gesagt...wenn dein Gehirn eine Information abgespeichert hat, wird diese Information in einer passenden Situation auch abgerufen und bewertet. Im Sinne einer mentalen Fokussierung auf eine gewisse Technik hin zu trainieren wird dir durchaus helfen, aber das Problem nicht lösen: Du kannst zu viel! ;)

    Ich würde die ganze Sacher auch nicht verkomplizieren: Technik bleibt Technik, egal ob hart oder weich ausgeführt. Das zu Grunde liegende Bewegungsmuster ist das gleiche. Da muss das Hirn nicht sonderlich viel arbeiten.


    Natürlich sollten Themen wie Schlaghärte, Geschwindigkeit, Timing und Distanzschulung Bestandteil des Trainings sein...jede Technik lässt sich so quasi noch effizienter machen. Aber im Prinzip ist die Reduktion auf das Wesentliche erstmal im Vordergrund.

    Was in Deiner Aufzählung fehlt, ist die nicht ganz unwichtige Geschichte mit der Nervenreizleitgeschwindigkeit.


    Mit meinen Schülern mache ich auch gerne folgenden Test: Ich stelle mich in ca. 1m vor sie hin. Sie dürfen gerne die Deckung hoch nehmen. Meine Aufgabe ist es, sie so schnell wie möglich mit meiner linken Hand an ihr gegenüberliegendes Ohr (ihr rechtes Ohr) zu berühren. Ihre Aufgabe ist es, einfach nur den blockenden Arm etwas mehr nach rechts zu setzen. Sie wissen also, mit welchem Körperteil ich angreife, in welcher Höhe ich angreife und ebenso wissen sie, welches Körperteil genau ich angreife. Außerdem muss ich bei meinem Angriff noch um die Deckung des gegners herum angreifen, was einen zusätzlich Zeitverzug zur Folge hat. Die einzige Information, die sie nicht haben, ist wann ich angreife. Und da wiederum bin ich bei der Nervenreizleitgeschwindigkeit. Denn die ist es, die hier sichtbar wirkt. Wenn ich also aus dieser Entfernung ohne zu telegrafieren ansatzlos angreife, habe ich eine Trefferquote von ca. 98%!


    Die Botschaft ist klar: Grundsätzlich Abstand halten, denn innerhalb einer gewissen Distanz kannst Du einen Angriff einfach nicht mehr zeitgleich abwehren. Im Übrigen habe ich bei diesem kleinen Experiment mal einen Schüler ernsthaft am Auge verletzt. Dieser neigte zu "Eigenbewegungen" mit dem Zweck, damit entkommen zu wollen. Leider hat er bei dieser Eigenbewegung den Kopf nach vorne schräg gebeugt, sodass meine Finger ihn genau am rechten Auge erwischt. Folge: Sofortiger KO. Ich bin wirklich nicht stolz auf diese Leistung, aber eines zeigte es doch: Angriffe zu den Augen sind immer und grundsätzlich, wenn sie treffen, fürchterlich und bewirken den sofortigen KO.

  • Achso: wollte Paladins Beitrag noch stützen.


    Habe interessierteren Trainingsteilnehmern immer versucht zu erklären, wie der Fehlstart definiert ist und dem gegenüber wie schnell das Auge eine Faust angeflogen sehen kann (fast gar nicht), selbst wenn also die angeflogene Faust noch irgendwie im Blitztempo erkannt werden würde, dauerte es zusätzlich noch eine gewisse Zeit, bis die Bewegung "einmal bitte ausweichen" oder "einmal bitte schützen" an die Muskeln gesendet wird... Wenn man also gänzlich überrascht wird, wars das. Da hilft nur noch Hoffen auf die antrainierte "Unempfindlichkeit".


    Da Paladin von 1/10 sprach, hier ein Beleg dafür: https://de.wikipedia.org/wiki/Fr%C3%BChstart


    Bei den Leichtathleten und ihren 100ms als Frühstartsgrenze ist aber das Bewegungsmuster klar. Bei einer Kontertechnik auf einen Angriff hingegen, kommen ja immer wenigstens 4 Techniken in Betracht. Entweder: 1. Arme hoch und blockieren oder 2. Klatsche links oder 3. rechts oder 4. der berühmte "Machdenstaatsanwaltglücklichtritt" (§ 226 StGB bei Unfruchbartkeit...).


    ----


    Von Leuten, die harmlos aussehen und einen höflich ansprechen z.B. nach Uhrzeit, Kippe, Feuer was auch immer... gehen die fiesesten Überraschungen aus.

    Auf einmal hat man eine Kippe im Gesicht und die Glut nah an der Haut aber noch nicht so, dass es schmerzt. Schlägt man die Kippe weg, hat man eine Hängen oder haut man ihm eine rein, Glut evtl. im Auge... mglw. steht man bereits mit dem Rücken an einem Geländer, wo es hinter einem 3m runter geht und sitzt blöde auf 'nem Fahrrad - so wie im Originalsachverhalt - da macht man nix mehr.


    Distanzverhalten ist da ganz wichtig und geht dem ganzen hier denklogisch voraus.


    Danach folgt dann wohl der Streit ums berühmte muskuläre Gedächtnis, den wohl die Befürworter jüngst gewonnen haben, oder? Quellen mal wieder verbaselt Shame on me.



    ---


    Jedenfalls wünsche ich allen hier, dass sie ihre SV Situationen heil überstehen und dazu in der Lage seien werden, ihrem Angreifer das hier zu zu pfeifen... wobei man den Rest dann genießend der Staatsgewalt überlässt - hoffe ich wirklich!


    ;)


    FG

    Und selbst wenn du Spagat könntest, hinter her dankt es dir sowieso keiner. - Vater Smoo

  • Was in Deiner Aufzählung fehlt, ist die nicht ganz unwichtige Geschichte mit der Nervenreizleitgeschwindigkeit.

    Das ist natürlich vollkommen richtig. Die Nervenreizleitgeschwindigkeit ist ja quasi ein bestimmender Faktor in der gesamten Reaktionsgeschwindigkeit. Deswegen sind Trainingselemente wie Distanzschulung sehr wichtig...und das Lesen des Gegenübers auf Vorkonfliktzeichen. Die meisten Angriffe kommen nämlich nicht aus dem Nichts. Die Übung, das Ohr zu berühren ist eine gute Methode, um das zu demonstrieren. Der Körper richtet sich nämlich auf den Schlag,. den er ausführen möchte, aus.

    Da geht's dann auch schon fast in den Bereich Preemptive rein...und da wird's dann oft recht schwierig. ;)

    "In reality based self defense, there are no 100%...if you want a guarantee, buy a toaster!"

    - Tony Blauer

  • Hier habe ich noch was schönes abgegrast, das ein bisl mehr Input zu den Zeiten gibt ;)


    http://www.spektrum.de/lexikon…logie/reaktionszeit/12540


    Quelle: http://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/reaktionszeit/12540 schrieb:

    Lexikon der Psychologie

    Reaktionszeit

    Reaktionszeit, Abk. RT (reaction time), die Zeitspanne, die zwischen einem Signal und der auf dieses Signal folgenden ReaktionNullversuche (catch trials) eingestreut werden. Die Reaktionszeit wird in der Regel als Summe verschiedener Teilvorgänge, die jeweils Zeit erfordern, aufgefaßt: Unterschieden werden die sensorische Reizleitungszeit, die zentrale kognitive Verarbeitungszeit und die motorische Reizleitungszeit. Es wird angenommen, die motorische und sensorische Reizleitungszeit sei jeweils konstant, um rechnerisch die kognitive Verarbeitungszeit zu bestimmen. Die Reaktionszeiten sind interindividuell sehr verschieden. Einfach-Reaktionszeiten, d.h. Reaktionen auf einfache Reize, betragen – abhängig von der Intensität des Reizes – bei einem Lichtsignal etwa 180 msec, bei einem akustischen Reiz etwa 140 msec, bei einem taktilen Reiz etwa 130 msec. Bei Entscheidungsaufgaben mit mehreren Objekten steigt die Reaktionszeit auf ein Mehrfaches der Einfach-Reaktionszeiten an (Mehrfach-Reaktionszeit). Reaktionszeitmessungen werden häufig in ExperimentenKognitionGedächtnisPsychophysikSubtraktionsmethode: Werden für einen Reiz eine Reaktionszeit von 180 msec, für eine Unterscheidungsreaktion auf zwei Reize 220 msec benötigt, beträgt die Zeit für die Unterscheidung 40 msec. In der Psychophysik können die unterschiedlichen Reaktionszeiten auf unterschiedlich intensive Signale einer Reizart als Empfindungsstärke interpretiert werden, wobei auf u.U. verzerrende verbale Urteile verzichtet werden kann.


    Und selbst wenn du Spagat könntest, hinter her dankt es dir sowieso keiner. - Vater Smoo