GongFu im Wandel der Zeiten

  • Ich bin im Internet auf einen interessanten Artikel gestoßen.

    Mache Guck hier! http://fightland.vice.com/blog…u-masters-refuse-to-teach


    Kurz gesagt...die "alten Meister" traditioneller chinesischer Kampfkünste weigern sich zunehmend, ihr Wissen an Schüler weiter zu geben. Grund hierfür ist lt. eben genannten die Einstellung der jungen Schüler der Kampfkunst gegenüber.

    Diese Meister fühlen sich ihren alten Traditionen verpflichtet, wozu eben neben der Bereitschaft, sich einem oft unmenschlichen Trainingsregime zu unterwerfen, auch eine entsprechende Lebenseinstellung gehört. Und die lässt das junge Gemüse heutzutage wohl vermissen.

    Böse Zungen könnten also sagen: "Lieber lassen die alten Meister ihre Kampfkunst aussterben, als sie irgendwelchen dahergelaufenen Kids anzuvertrauen, die das eher als Freizeitvergnügen und nicht als Lebensaufgabe sehen!"


    Ich steh diesem Sachverhalt (so er denn tatsächlich auch so existiert) zwigespalten gegenüber. Auf der einen Seite kann ich diese Leute verstehen, die sehen, wie ihr Lebenswerk, für das sie unglaublich hart gearbeitet haben, zu einem lustigen Freizeitvertreib verkommt. Auf der anderen Seite sehe ich halt da auch eine Gruppe alter Leute, die nach dem Motto "Früher war alles besser" aktiv am Verlust wichtigen Kulturgutes teilhat.

    Wenn ich mich positionieren müsste, könnte ich mich tatsächlich für keine Seite entscheiden...


    ...aber vielleicht könnt ihr mir dabei helfen. Wie seht ihr das? Berechtigte Kritik oder trotziges Beleidigt-Sein der alten Meister?



    P.S.: Dieses Thema betrifft ja sicher auch noch andere Kampfkünste, die nicht aus China kommen. Nur da der Artikel sich eben dediziert mit chinesischen Stilen beschäftigt, hab ich ihn mal hier in dieses Unterforum gepostet. :)

    "In reality based self defense, there are no 100%...if you want a guarantee, buy a toaster!"

    - Tony Blauer

  • Kommt drauf an wie radikal das gesehen wird. Sowas wie das deutsche Shotokan ist schon traurig (imo). Aber beim Chef quasi als Dienerschüler leben ist auch nicht mehr so ganz zeitgemäß.

  • Aber beim Chef quasi als Dienerschüler leben ist auch nicht mehr so ganz zeitgemäß.

    ... zumal es hier laut Link unter anderem um fünfjährige Knaben geht:

    "Traditional masters are constantly seeking the five-year-old boy willing to dedicate his young life to brutal training regimes ..."

    Also ich würde meinen kleinen Jungen nicht zu solch einem Lehrer schicken wollen,

    solange ich eine andere Wahl hätte ...

    Suche das Einfache und misstraue ihm.
    (Alfred North Whitehead, Logiker und Philosoph, 1861-1947)

  • Erst mal ist ein Artikel von Vice. Keine schlechte Web, aber nicht spezialisiert und sie schreiben für das große Publikum. Ich nehme den Artikel nicht dramatisch.


    Wenn ich die Sache richtig interpretiere, geht es darum, dass die alten Meistern eine ganze Philosophie oder Lebensstil anbieten möchten. Das heißt, in 10 Jahre werden die Techniken, die Meditation und die Ritualen gelernt. Es kann von der anderen Seite gesehen werden. Die neuen Schüler wollen die "wahre Kung Fu" nicht lernen, nur die Techniken.


    Gibt es heutzutage in Kung Fu irgendwelches Geheimnis? Wahrscheinlich kennt man schon alles Techniken, Tricks, usw. Das Problem ist vielleicht das Sterben eines Lebensstils, nicht dass Kung Fu verschwindet.

  • ... geht es darum, dass die alten Meistern eine ganze Philosophie oder Lebensstil anbieten möchten. Das heißt, in 10 Jahre werden die Techniken, die Meditation und die Ritualen gelernt.

    ... also ich denke nicht,

    dass die Verinnerlichung einer Philosophie durch das bloße Erlernen von Techniken, Meditation und Ritualen erfolgen kann ...

    ich glaube auch nicht, dass die alten Meister irgend etwas 'anbieten' möchten,

    sie warten vielmehr darauf 'gefragt' zu werden ...

    Allerdings gibt es wohl auch Meister welche 'alte Künste' anbieten,

    das sind dann die modernen Meister, die sich auf alte Künste berufen und durchaus geschäftstüchtig sind ...

    Suche das Einfache und misstraue ihm.
    (Alfred North Whitehead, Logiker und Philosoph, 1861-1947)

  • ... also ich denke nicht,

    dass die Verinnerlichung einer Philosophie durch das bloße Erlernen von Techniken, Meditation und Ritualen erfolgen kann ...

    In Asien glauben das und praktizieren irgendwelche "Technik um den Geist zu verbessern". Von daher kommen die ganzen Positionen bei Yoga oder die Sitzposition im Zen Buddhismus, wo gesagt wird, kochen sei Zen Buddhismus, putzen sei Zen Buddhismus, Sitzen sei Zen Buddhismus... Oder die ganze Kultur der Repetition (Ritualen) auf dem Motto "wenn ich jedem Tag die Bewegungen eines Tigers nachmache, werde ich die Kraft eines Tigers haben".


    ich glaube auch nicht, dass die alten Meister irgend etwas 'anbieten' möchten,

    sie warten vielmehr darauf 'gefragt' zu werden ...

    Allerdings gibt es wohl auch Meister welche 'alte Künste' anbieten,

    das sind dann die modernen Meister, die sich auf alte Künste berufen und durchaus geschäftstüchtig sind ...


    Ja, ich könnte einverstanden sein. Schwer zu sagen, weil wir nicht dort sind. Auf jedem Fall sieht ein sehr konservative Gesinnung aus.


    Grüße.

  • Ich kann das Ganze aus eigener Erfahrung schon irgendwie verstehen!


    Da kommen Leute in den Dojang und finden unheimlich toll was wir da so treiben. Sie wollen das natürlich auch lernen und brennen darauf ihr erstes Training zu absolvieren.

    Nach mehreren Probetrainings (ich nehmen niemanden bei mir auf, der nicht mindestens 2 oder besser 3 Einheiten mitgemacht hat) wird dann ein Vertrag gemacht (12 Monate). Dabei kommt von mir IMMER der Hinweis, dass man - um es einigermaßen zu lernen - aber länger wie 12 Monate, meist so um die 5 bis 6 Jahre üben muss (ist die Durchschnittszeit bei uns bis zum 1.DAN). "Kein Problem"

    Der überwiegende Teil übersteht keine 6 Monate, ganz wenige sind länger wie 2 Jahre dabei und bis zum 1.DAN schaffen es circa 2 von 50.


    Und jetzt stehe ich da, bemühe mich den Leuten etwas vernünftig beizubringen, investiere viel Herzblut und Energie und fange regelmäßig wieder bei Null an.


    Ok, ich habe eine handvoll Leute, die mich nun über Jahre, ja sogar Jahrzehnte begleiten.


    Aber dem größten Teil wird das alles auf Dauer zu langweilig, sie sind immer wieder mit ihren Gedanken woanders, alles andere ist wichtiger.

    Eigentlich kein Problem - ist halt so.


    Aber wenn die dann auf die "Kacke" hauen und immer wieder erzählen, wie gut sie sind und das sie TKD machen, schwillt mir immer wieder und immer noch der Hals.

    Denn genau wegen solcher Leute hat z.B. das TKD eine so schlechten Ruf (ist wahrscheinlich in anderen Kampfarten auch so) .


    Hinzu kommen dann irgendwelche Verbandsquerelen und Pseudo Meister.


    Und dann kann man schon mal die Lust verlieren.

    Hätte ich nicht mein Team, dass immer für mich und auch untereinander da ist und viel Freunde und Bekannt in anderen Kampfarten, hätte ich schon lange hin geschmissen und würde nur noch für mich trainieren - Möglichkeiten habe ich genug.


    Scheinbar sind heutzutage, in unserer schnelllebigen Zeit, in der man an jeder Ecke mal eben lernen kann, wie man in 6 Monaten unbesiegbar wird, die wenigsten bereit Zeit und Lerneifer zu investieren um eine Sache richtig zu erfassen und zu verinnerlichen.


    Disziplin, Selbstdisziplin, Ausdauer, Härte gegen sich selber gibt es so gut wie gar nicht mehr. Das stimmt auch mich manchmal traurig und deshalb passt der Artikel nicht nur auf GongFu/Wu Shu sondern auf jegliche Kampfart, die erlernt werden will.


    Und prinzipiell ist dies nicht nur auf Kampfarten bezogen, sondern durchzieht alle Lebensbereiche.

    Das ist für mich persönlich ein Auswuchs dieser "Geiz ist Geil" und "Meiner ist Länger als Deiner" Mentalität!

  • Dem kann ich mich nur anschließen! Auch bei mir wird keiner angenommen, der nicht mindestens 4 Probetrainings mitmacht. Nach 3 Monaten sieht man ob er bleibt, da kann man noch so sehr versuchen zu Motivieren. Nach einmaligem Durchlauf der Grundtechniken gefragt zu werden, wann man Prüfung machen könne, man kenne die Techniken ja jetzt, ist ja auch normal.......

    Antwort von mir, immer: Kennst Du den Unterschied zwischen Kennen und Können?

    Irgendwie fehlt es den meisten an Geduld.


    Schön ist dann aber, wenn ich einem Schüler sage, er könne die nächste Prüfung mitmachen und ich zur Antwort bekomme: Nein, ich warte noch, ich möchte das sicherer können, ich übe lieber noch. Und das, obwohl sein bester Kumpel im Training jetzt zur Prüfung ansteht.


    K/

    Nehmt mich nicht ernst- ich mache es ja auch nicht!

  • Nun, aus der Kk bin ich schon eine Weile raus, aber was das Togi angeht, auch eine Kunst dieser Natür , da kann ich nur sagen entweder man trägt das ganze Kreuz oder man läst es sein.

    Es gibt viele dinge die sind hart, blos ohne die, da wird es nichts.

    Leute die sich dadurch abschrecken lassen das sie erstmal mindestens eine woche Steine putzen dürfen, die taugen nichts. das ist noch der bequeme Teil...


    Witzig wird es wenn es um das "Sitzen" geht. Sitzt man, wohl eher nicht wirklich. Man schwebt so halb und stützt sich leicht auf dem Schemel ab um die Balance zu halten. Im ertstem halben Jahr habe ich mir immer gewünscht jemand hätte einen Kran um mich wieder zu entknoten und hoch zu ziehen....Klartext, die ersten zwei drei Jahre tut einem jeder Knochen einzeln weh, täglich, 8 Stunden minimum. Wenn man dann rauwankt, darf man noch die Theorie pauken....Ich glaube man muß irrer Masochist sein um das zu tuen.