Vor einer Leistung überzeugen....

  • Hallo Gemeinde!


    Am vergangenen Wochenende hatten wir Kup-Prüfungen, zwei Prüfer für die Gelb- und Orangegurte. Wir halten es während der Prüfung so, dass wir nicht nebeneinander sitzen und auf den anderen Zettel kucken können, sondern stehen immer auf gegenüberliegenden Seiten. Für die unterschiedlichen Inhalte gibt es ein Punktesystem, aber das ist ja für euch auch nichts Neues.


    Nach dem Prüfungsteil werden dann die Ergebnisse verglichen und über Bestanden/ nicht Bestanden entschieden. Wer mich kennt, weiß dass ich bei den Technikausführungen keinen Spaß verstehe, dass man Nervosität berücksichtigen muss, gerade bei einer ersten Prüfung, ist auch klar.


    Jetzt kommt's: Uwe, immerhin seit 2 Jahren bei mir, meinte nach der bestandenen Prüfung, er hätte den Orangegürtel wohl geschenkt bekommen auf Grund seines Alters. Seine Tritte seien ja nicht so hoch wie die der anderen, seine Fallschule auch eher schlechter als die der anderen und so weiter und so fort.

    Selbst als ich ihm die Bewertung des Gastprüfers gezeigt habe, war er nicht zufrieden sondern argumentierte in die Richtung, wir hätten uns vorher abgesprochen.( der Gastprüfer hatte ihn sogar besser bewertet als ich)


    Nun, Uwe ist im vergangenen Dezember 70 Jahre geworden, dass er die Gräten nicht mehr so hoch bekommt wie ein 17jähriger ist klar, dass man hier anders bewerten muss wohl auch.( Das findet sich ja auch in verschiedenen Prüfungsordnungen wieder).


    Uwe ist einer, der im Training immer alle anderen motiviert und sich wirklich verausgabt und anstrengt, nach der Prüfung allerdings meinte er doch wohl aufhören zu wollen, er wolle nichts geschenkt. Jetzt meine eigentliche Frage: wie soll/kann ich ihm klarmachen, dass alles seine Richtigkeit hat, meine Argumente kamen irgendwie bei ihm nicht an. Hat jemand einen Tipp???



    K/

    Ihr seid doch wieder ohne Aufsicht....ich merk das doch!

  • Wie sieht eure PÖ konkret aus?
    A) Ich kenne welche, die als Beispiel sagen: Ich will Tritt X auf Kopfhöhe sehen.

    B) Andere sagen: Ich will Tritt X sehen.

    C) Die Restlichen sagen: Ich will einen Tritt sehen.


    Bei A und B bin ich als Prüfling und Prüfer mehr gebunden, wobei bei B der Prüfling Höhe variieren kann. Bei C kann der Prüfling sich ja die Techniken selbst aussuchen, wie sie zu ihm passen.


    Ich als Prüfer bewerte in erster Linie, ob die Prinzipien eingehalten wurden und wie die allgemeine Ausführung ist. Dabei MUSS ich immer Alter, körperliche Verfassung, Trainingsreife beachten.

    Jedesmal der gleiche Tritt erwarte ich Unterschiede zu sehen vom 25 jährigen Schwarzgurt zum 8jährigen Gelbgurt zum 60jährigen Grüngurt.


    Er muss die Prinzipien im Rahmen seiner körperlichen Möglichkeiten umsetzen und dass bewerte ich.

    Mein Englisch ist zu schlecht. Ich löse das physikalisch!

  • Ich denke er ist viel zu selbstkritisch. Und er vergleicht sich mit Jüngeren. Schwierige Mischung!


    Solange er nicht selber da drauf kommt, ist das eine Falle für ihn.

  • Da bin ich zwischen A und B. z.B. Ap Chaggi ( gerader Tritt nach vorn ist Bauchhöhe- die er auch schafft, die jüngeren gern Brust oder Kopf) Ja, grundsätzlich wird die Ausführung bewertet, ob die Prinzipien passen und so weiter und so fort. Die Mindestanforderungen in Bezug auf die Tritthöhen hat er erfüllt, wie gesagt unabhängig war seine Gesamtleistung nicht zu beanstanden von beiden Prüfern.


    Im Nachhinein glaube ich eher, er vergleicht sich mit den jüngeren ( er hatte in letzter Zeit schon ein paar mal angedeutet, dass ihm das lernen schwerer fiele als noch vor ein paar Jahren.)

    Also eher ein mentales Problem von seiner Seite, wie ich dagegen steuern kann? Da bin ich gerade etwas ratlos.

    Ihr seid doch wieder ohne Aufsicht....ich merk das doch!

  • Das ist eine schwierige Situation, da das Ganze offensichtlich nichts mit euch und euren Bewertungen denn viel mehr mit seiner eigenen Selbstkritik zu tun hat. Da steckt möglicherweise (eher wahrscheinlich) ein Problem mit dem Älter-werden dahinter.

    Das aufzuzeigen ist aber nicht eure Aufgabe und führt im Normalfall auch nicht zum gewünschten Ziel.


    Mehr als ihm eure Aufrichtigkeit zu versichern und auf die Individualität hinzuweisen, aufgrund derer ihr bewertet, werdet ihr nicht tun können. Den Rest des Weges muss euer Uwe leider selbst gehen.


    Edit: Dass er gleich daran denkt, das Training zu beenden, ist natürlich total schade. Ich würde also eher dahin gehend auf ihn einwirken, als dass ihr es als herben Verlust empfiden würdet, ihn als Schüler zu verlieren, auch eben wegen seiner offensichtlichen Qualitäten, auch andere zu motivieren.

    "In reality based self defense, there are no 100%...if you want a guarantee, buy a toaster!"

    - Tony Blauer

  • Edit: Dass er gleich daran denkt, das Training zu beenden, ist natürlich total schade. Ich würde also eher dahin gehend auf ihn einwirken, als dass ihr es als herben Verlust empfiden würdet, ihn als Schüler zu verlieren, auch eben wegen seiner offensichtlichen Qualitäten, auch andere zu motivieren.

    JA, das fände ich auch sehr schade, nicht nur weil er sehr oft für gute Laune sorgt, sondern er auch von sich aus ohne Aufforderung die anderen mit netten Sprüchen motivieren kann.

    Ich werde ihn nochmal an die Seite nehmen .....

    Ihr seid doch wieder ohne Aufsicht....ich merk das doch!

  • Kibon , ja - das ist immer wieder faszinierend, wie bestimmte Leute sich selbst sehen. Hier ist nur das Gegenteil zu sehen, was sonst eher üblich ist: dass Leute sich viel besser sehen, als andere sie wahrnehmen.


    Ich tippe mal auf ein kleines mentales Tief. So wie Du ihn beschreibst, nimmt er seine Sachen sehr ernst und fordert viel von sich selbst. Möglicherweise war er von sich enttäuscht, weil er mehr von sich bei der Prüfung erhofft hatte, als er gefühlt umsetzen konnte.


    Blöderweise sucht er die Gründe für seinen Frust eher in Eurer aus seiner Sicht "zu laschen" Beurteilung, obwohl er eigentlich weiß, dass er "qualitativ" mit dem Jungvolk nicht mithalten kann.


    Wenn Du auf rationaler Ebene mit Argumenten nicht an ihn ran kommst, dann frage ihn, was ihm wichtiger ist, der Gürtel oder "sein" Sport. Den Gürtel hat er sich korrekt nach den Vorgaben des Verbandes geholt. Und auch sonst scheint er ein wertvolles Mitglied in deinem Verein zu sein.


    Da die Prüfung ja am Wochenende war, reicht auch manchmal ein paar Tage Abstand, um bestimmte Dinge wieder etwas klarer zu sehen.

  • Da geb ich Sabiji vollkommen recht.

    Vermutlich liegt hinter der ganzen Situation der Frust darüber, quasi mit anderem Maß gemessen zu werden als die Jungspunde. Aus seiner Sicht wird quasi der "Altersbonus" gewährt und das ist natürlich für einen 70-jährigen aktiven KKler schwierig.

    Die Frage nach der Gürtelfarbe vs. dem Sport an sich ist hier absolut richtig gestellt! Und auch ein paar Tage Abstand können, wie Sabiji ja schon angemerkt hat, Wunder wirken.


    Ich wünsch dir auf jeden Fall viel Erfolg und ein gutes Händchen, um den Uwe weiter bei euch halten zu können. :)


    Edit: Ich benutze unfassbar oft das Wort "quasi", ist mir in der zweiten Lesung meines Beitrages aufgefallen. Kann mir jemand sagen, wie ich dieses Wort in meiner Tastatur sperren kann? :D

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    - Tony Blauer

  • ...

    Edit: Ich benutze unfassbar oft das Wort "quasi", ist mir in der zweiten Lesung meines Beitrages aufgefallen. Kann mir jemand sagen, wie ich dieses Wort in meiner Tastatur sperren kann? :D

    Ne Reiszwecke mit der Nadel nach oben auf das Q kleben.


    Zum Thema:
    Etwas Gras drüber wachsen lassen und Abends mal bei ner Saftschorle in Ruhe darüber reden.
    Ihm klar machen, welche Anforderungen es für den Gürtel gibt, welche Prinzipien beachtet werden müssen und wie er sie erfüllt hat. Dabei klar auf die unterschiedlichen Konstitutionen eingehen und ihm klar machen, dass diese auch immer mit einfließen.

    Mein Englisch ist zu schlecht. Ich löse das physikalisch!

  • und dann schreibt er wahrscheinlich immer Kwasi :)

    Ist das ne Abkürzung für die Moppedmarke??? 8o

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  • Jop, Kwasisaki. Schneller als die Sukizucki oder Tuckatti.

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  • Jop, Kwasisaki. Schneller als die Sukizucki oder Tuckatti.

    Muss ich dann mal bei meiner nachschauen.

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  • Als ich den Fehler gemacht hatte, über meine Ergebnisse bei Prüfungen zu diskutieren (ich würde gerne sagen, ich hab es nach dem ersten Mal begriffen und es dann sein gelassen, aber ... ;) ), wurde mir sehr deutlich gemacht, daß Selbstkritik ja okay sei, aber die Art die Gürtel, bzw. das Bestehen, als Geschenk zu werten, doch verdammt respektlos sei.


    Mittlerweile verstehe ich die Argumentation auch und stimme ihr zu. Ob es mir passt oder das der Gedanke war (was er nicht war!) ist da zweitrangig, aber im Grunde hab ich meinen Lehrern/ Trainern die Kompetenz abgesprochen, Prüfungen abzunehmen; zu wissen, wie die Sachen funktionieren; alles damit zusammenhängende.


    Ich bin bist heute nur mit einer Prüfung einigermaßen zufrieden; bei allen anderen bin ich der Ansicht, daß ich sie im Großen verkackt hab.


    Aber ich habe auch gelernt, wie es ausdrücken und für mich abarbeiten kann, damit ich dennoch davon profitiere.


    Vor allem habe ich aber gelernt, gerade meinem "Hauptlehrer" zu vertrauen! Er ist der kritischste meiner Lehrer und Trainer, und will sich selber auch nicht nachsagen lassen müssen, was für Pfeifen er denn graduiert hat.



    Was euer konkreteres Beispiel angeht: Wenn es Gelb- und Orangeprüfungen waren, stehen die ja noch ziemlich am Anfang. Meine ich gar nicht abwertend! Meine hlchste GRaduierung ist nur Grün!

    Aber! Das bei den niederen Gürteln die Sachen noch einmal etwas "lockerer" bewertet werden, weil es eben noch die Angängerstufen sind und man auch dem entsprechend bewertet (siehe gerne auch Schnuefflers Beispiel der "Trainingsreife") wird.

    Und so lang die Prinzipien alle da sind, darf bei den niedrigeren Gürteln auch das Auge ruhig etwas leiden; ich bin mir sicher, ich will meine ersten Techniken auch nicht sehen, aber für den Trainingsstand des Zeitpunkts, waren sie wohl gut im oberen Drittel angesiedelt (ich bekomme die Bewertungen nicht zu sehen, egal bei wem. Kann schon ziemlich ärgerlich sein).

    Vielleicht dort drauf hinweisen?

  • Ich denke er ist viel zu selbstkritisch. Und er vergleicht sich mit Jüngeren. Schwierige Mischung!


    Solange er nicht selber da drauf kommt, ist das eine Falle für ihn.

    So seh ich das auch

  • Ich formuliere es mal so.mal Am gründlichsten haut man sich selber in die Pfanne. Ich meine damit das keiner einem besser die Motivation verderben kann als man selber durch genügend Selsbtzweifel.

    Hat man das erstmal erreicht lassen die Leistungen natürlich auch aus dem eigenem Blickwinkel und später wirklich nach. Voila man hat sich bestätigt. ein wunderbarer , diabolischer Teufelskreis. kennt jemand einen Ausgang ?

  • Hier mal ein kleiner Zwischenstand: Wir hatten nach dem Training ein längeres Gespräch, es liegt, wie ihr schon angemerkt hattet an der Selbsteinschätzung. So richtig kommt er nicht damit klar, älter zu werden und nicht mehr so aufnahmefähig zu sein wie früher- Ich muss vielleicht anmerken, dass er ansonsten sehr aktiv ist, letztes Jahr eine Jeeptour durch den Oman, dieses Jahr 14 Tage Wüstenwanderung in Tunesien, zwischendrin mal 1 Woche wandern in den Alpen.

    Die jüngeren lernen halt schneller, das wurmt ihn.

    Wir haben dann vereinbart, das wir einmal in der Woche ein Einzeltraining von 30 Minuten an das normale Training dran hängen, wo wir seine Techniken und Formen nochmals durchgehen. Im Trainingsbetrieb, das kennt ihr ja selbst, kann man seine Augen nicht immer überall haben und es sind ja mehrere da, die man zu betreuen hat.


    Seine Einschätzung die Prüfung geschenkt bekommen zu haben besteht nicht mehr, ich habe ihm nochmals dargelegt, das Alter, allgemeine Konstitution und so weiter bei der Bewertung durchaus Einfluss haben, das ich ihn schlechter bewertet habe als der Gastprüfer hat ihn dann doch noch umgestimmt.


    Er bleibt! :)

    Ihr seid doch wieder ohne Aufsicht....ich merk das doch!

  • Sehr schön.

    Das freut mich.

    Mein Englisch ist zu schlecht. Ich löse das physikalisch!