Flucht vor dem Täter - Wann macht sie Sinn?

  • Erstaunlich: Viele Trainer raten - gerade bei Messerangriffen - die Flucht zu ergreifen. Eigentlich wollen sie damit sagen, dass Messerangriffe sehr gefährlich sind und man demnach eher fliehen, als sich dem Angreifer stellen sollte. Die Botschaft ist klar. Doch: Macht eine Flucht Sinn bzw. wann macht eine Flucht Sinn? Über dieses "richtige Reagieren" in einem Ernstfall habe ich bereits im Blog geschrieben, ist HIER nachzulesen.


    Zusammengefasst: Eine Flucht macht grundsätzlich nur dann Sinn, wenn man ziemlich genau einschätzen kann, dass man schneller und ausdauernder ist, als der/die Angreifer. Das ist zwar sowas wie eine Binsenweisheit, wird aber - obwohl sowas eigentlich jeder weiß - so gut wir gar nicht beachtet. Warum? Keine Ahnung. Noch einmal: Wer flüchtet sollte unbedingt schneller als der/die Angreifer sein. Bedeutet: Übergewichtige, ältere und unsportliche Menschen - um mal einige wenige von vielen betroffenen Gruppen zu benennen - sollten so eine Flucht von vornherein ausschließen. Umgekehrt: Es gib eigntlich nur sehr wenige Personengruppen, für die Flucht eine reale Option wäre.


    Weiterhin geht es darum, dass - wenn man flüchten wollte - diese auch nur ein bisschen vorzubereiten. Was ich damit meine ist, dass man sich in so einem Fall z. B. von "Lasten" befreit, wie z. B. unpassendes Schuhwerk, Taschen bzw. Handtaschen, usw. Was allerdings niemals zurückbleiben darf, sind wichtige, persönliche Dinge, wie z. B. der Personalausweis in der Handtasche - um es mal ganz deutlich und plakativ zu machen.


    Letztlich sollte man noch wissen, wohin man läuft. Es heißt ja immer, dass - wenn man flüchtet - dann i. d. F. eine "Öffentlichkeit herstellen sollte"... Auch wieder so ein Ratschlag, der meines Erachtens in der Theorie besser klingt, als er in der Praxis umsetzbar ist. Flucht ist ein Urinstinkt. Bedeutet: Gibt man ihm nach und flüchtet tatsächlich, beherrschen zu diesem Zeitpunkt Urinstinkte zu einem sehr großen Teil unseren Körper. Tunnelblick, Adrenalinausschüttung, Herzrasen... alles Auswirkungen. Mit klarem Denken haben diese Situationen nichts mehr zu tun. Ganz abgesehen davon, dass man für eine "Öffentlichkeit herstellen" erst einmal eine Öffentlichkeit braucht. Täter sind Chancenkiller. Jede Chance, die sie dem Opfer rauben, kommt ihnen zugute. Täter greifen dort zu, wo die größte Möglichkeit eines Erfolges besteht. Sicherlich nicht in einer Fußgängerzone? Naja... vielleicht in der Nähe einer Fußgängerzone, was ja schon einmal eine gute Aussicht auf Erfolg einer Flucht darstellt. Dann gilt aber: Schneller und Ausdauernder als der/die Täter zu sein.


    Wie man es auch dreht und wendet: Bei wirklich genauer Betrachtung des Ratschlages "flüchte lieber, als Dich ein Messer zu stellen" fällt mir immer wieder auf, dass dieser Ratschlag nicht wirklich eine gute Strategie bei einem Ernstfall darstellt. Was ich rate? Entweder man sorgt sich um seine persönliche Sicherheit und trainiert eine professionelle Kampfkunst, in der mit und gegen Messer gearbeitet wird (FMA) oder man muss eben auf das zurückgreifen, was man so über seine Lebenszeit als Ratschläge gehört und mitgenommen hat und wird die dann in einem Ernstfall überprüfen müssen und muss dann mit den Ergebnissen "leben". Für Letztere wird dann der Ernstfall zu einer Überraschungskiste...


    Grundaussage von mir ist also: Flucht nur dann, wenn man schneller und ausdauernder als der/die Täter ist, das richtige Schuhwerk/die richtige Kleidung trägt und nichts zurücklassen muss. Oder übersehe ich etwas: Sollte auch Opa-Fritz, der 120 Kg schwere Bernhard, die 42-jährige Hausfrau Brigitte und der völlig unsportliche Frederik eine Chance bei der Flucht haben? Vielleicht gleich zum nächten Haus laufen und dort klingeln? = Genau das habe ich auch schon einmal gehört. Binsenweisheit: Wo kein Haus ist, ist wohl auch keine Klingel. Umkehrschluss: Du hast als Opfer Glück, wenn Du genau vor einer Häuserreihe überfallen wirst, der/die Täter gehbehindert sind und Du nur den Arm ausstrecken musst, um eine Klingel zu erreichen. Mal im ernst: Wer wird sich auf diese doch sehr vage und unzuverlässige Prognose in einem Ernstfall verlassen wollen, nach dem Motto: Wird schon so sein und gut gehen, einen Plan B benötige ich daher nicht?


    Meine Frage: Wie hört sich das an, was ich über Flucht denke und formuliert habe? Was erzählen Euch Eure Trainer und Ausbilder über die Flucht, was ist Eure Philosophie als Trainer?:/

  • Alles richtig!

    Und da ich zu alt bin um zu flüchten, werde ich mit aller Konsequenz gegen steuern.

    Das kann auch heißen, dass ich mein Handy oder meine (2.) Geldbörse abgebe oder aber auch, dass ich mich dem Angriff stelle - mit vollem Bewusstsein, das es weh tun wird und auch für mich blutig enden kann.

  • Wenn das denn alles so einfach wäre. Kampfsportreibende setzen sich (mehr oder weniger) mit Gefahrensituationen auseinander, aber Du sprichst auch den 0815 Bürger an. Nimm 10 unterschiedlich Menschen und Du wirst 10 unterschiedliche Reaktionen auf eine bestimmte Gefahrensituation erhalten. Verhaltenspsychologie. Du sprachst selber Urinstinkte an, dazu kommt noch individuelle Wahrnehmung, die in vollkommen irrationalen Reflektionen einer Situation führen kann. Da spielt es keine Rolle ob irgendwas Sinn macht oder nicht.

    Und selbst wenn jemand genug Courage besitzt sich einen messerstechenden Irren zu stellen, dann steht im sehr wahrscheinlich seine soziale "Beißhemmung" im Wege. Die meisten werden abgestochen, weil sie eine Situation schlichten oder entschärfen wollen. Auch das ist ein ganz normales sozialpsychologisches Verhalten.


    Das viele auch viel zu langsam reagieren, ist auch vollkommen normal. Kein Normalo erwartet in einer normalen Alltagssituation plötzlich mit dem Messer seines Lebens bedroht zu werden. Der Täter hat in jedem Fall den Vorteil, dass der schon auf 180 ist. Das Opfer wird bestenfalls durch die eigenen körperlichen Reaktionen zum Teil regelrecht überfordert.


    Ich habe genug Messerspinner in meinem Leben erlebt. Ich habe ein paar Jahre als Barkeeper bei Bekannten in einem Pub ausgeholfen und dann um 2:00 , 3:00 oder 4:00 Uhr früh mit der Berliner U-Bahn nach Hause gefahren.

    Den Tod dagegen im wahrsten Sinne in die Augen gesehen habe ich, als ich ganz normal in der Woche am frühen Nachmittag zur Spätschicht gefahren bin. Und gerade wenn Du mit Kampfsport lange zu tun hattest ist es erschreckend zu erkennen, dass diese Person zu allem und mit aller Konsequenz bereit ist, gepaart mit der Erkenntnis, dass Du so jemanden, egal wie, ebenfalls mit aller Konsequenz unschädlich machen MUSST. Im Übrigen habe ich dann gar nicht an so etwas gedacht, wie, es könnte weh tun, oder ich könnte schwer verletzt werden oder sterben, oder dass ich an meine Tochter, Frau oder Eltern gedacht hätte, nein, ich war nur noch fixiert im Moment.


    Deswegen, ich kann keine Ratschläge geben. Bestenfalls: nehmt Eure Umgebung aufmerksam war, insbesondere zu bestimmten Zeiten und bestimmten Orten!

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  • Meine Philosophie als Trainer zum Thema Flucht ist eigentlich recht einfach.

    Habe ich die Chance dazu und bin mir sicher, dass ich schneller und weiter laufe als mein Angreifer, dann nutze ich das.

    Bin ich mir nicht sichr, muss ich dafür sorgen, dass ich schneller und weiter laufe, als mein Angreifer.


    Etwas genauer:
    Bin ich z.B.: in einer Menschenmenge bei einem Volksfest, reicht es mir ggf. den Angreifer kurz so zu beschäftigen, dass ich in der Menschenmasse verschwinden kann. Bin ich hingegen auf weiter Flur mit ihm alleine, dann muss ich dafür sorgen, dass der Angreifer mir nicht so schnell hinterherlaufen kann, weil er KO gegangen ist, weil ich ihm Sprunggelenk, Knie oder sonst was geschädigt habe, etc. und ich dadurch einen entsprechenden Vorsprung erhalte.

    Mein Englisch ist zu schlecht. Ich löse das physikalisch!

  • ... also ich betrachte den 'Messerangriff' jetzt mal aus meiner (weiblichen) Sicht

    und unterscheide zunächst zwischen verschiedenen Situationen, in die ich geraten könnte:


    1) Ich gerate an einen 'Räuber', der eine Drohkulisse aufbaut, um meine Wertgegenstände abzugreifen.

    2) Ich werde von einem Verrückten überfallen, der ohne jede Vorankündigung einfach so zusticht, weil er Spaß daran hat.

    3) Ich habe es mit einem 'Beziehungstäter' zu tun, der sich an mir rächen will.

    4) Ich werde Zeugin eines 'Hahnenkampfes' .


    So, was wäre dann zu tun?

    Fall 1)

    ganz klar, Wertsachen rausrücken, geht meistens gut, weil die Täter haben, was sie wollen, und dann einfach das Weite suchen ...

    Fall 2)

    die Wahrscheinlichkeit, das so etwas passiert ist gering, aber nicht null,

    vielleicht hilft es in einem solchen Fall, den 'toten Mann' zu spielen, so dass der Täter an seinen 'Erfolg' glaubt ...

    Fall 3)

    hier gilt es ganz klar, solche Beziehungen grundsätzlich zu meiden, wenn man dennoch hineingeraten ist,

    sollte man sich auf jeden Fall rechtzeitig Hilfe holen, um einer möglichen Eskalation vorzubeugen ...

    Fall 4)

    die 'Kämpfer' werden mich wohl kaum beachten, weil sie zu sehr auf sich selbst fixiert sind,

    deshalb verdrücke ich mich ein wenig zur Seite und rufe Polizei und Notarzt an.


    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • Also ich muss dir da tatsächlich zustimmen, Paladin.

    Flucht wird in der SV IMMER als erste Option angesehen und das ist auch richtig. Nur eben nicht unter allen Umständen.


    Ein Übergriff mit einem Messer ist mMn in unserer Gesellschaft so ziemlich das Schlimmste, das einem passieren kann. Messer sind schnell, gut zu verstecken, schnell bei der Hand, schwer zu kontrollieren (für den Verteidiger) und richten grässlichen Schaden an. Sehr oft merken Opfer erst nach der tat, dass überhaupt ein Messer im Spiel war. Insofern ist Flucht ohnehin oft keine Option mehr.


    Ida hat das Ganze schon gut weiter geführt. Die Frage der Reaktion auf ein Messer ist eine Kontextfrage.

    Wird das Messer als Mittel der Bedrohung genutzt?

    Bekomme ich frühzeitig mit, dass ein Messer im Spiel ist?

    Bin ich körperlich und mental in der Lage, zu fliehen? Immerhin drehe ich dem Angreifer damit auch den Rücken zu.


    Ich würde deiner Aussage also voll und ganz zustimmen, Paladin!

    Ich werde in meinen Seminaren auch sehr oft nach Messer-Angriffen gefragt. Ich fahre da eine sehr harte und ehrliche Linie:


    "Wird das Messer als Drohwerkzeug genutzt, dann mach, was der Täter will! Wenn er dich damit aber verletzen will und du kannst nicht fliehen, nimm den größten Gegenstand, den du finden kannst und schlag damit auf den Angreifer ein. In beiden Fällen bist du allerdings ziemlich sicher mit am Arsch!"

    "In reality based self defense, there are no 100%...if you want a guarantee, buy a toaster!"

    - Tony Blauer