Kopfsache

  • Oh man, wo ist die Unbedarftheit hin? Das waren noch Zeiten! Aber jetzt stehe ich am Pflock und überlege und taktiere.


    Diese Saison habe ich besonders viele Verbandsturniere mitgemacht, darunter die EBHC oder wie vor kurzem die DM DBSV und habe erst mal die Faxen gestrichen voll. Ich will wieder Spaß haben, denn der ist ganz schön auf der Strecke geblieben. Insbesondere zur DM bin ich mit sehr gemischten Gefühlen gefahren, denn das Trauma EBHC wirkte bei mir noch heftig nach. Dort schoss ich am ersten Tag persönliche Bestleistung, am zweiten Tag toppte ich den Score vom Vortag noch und erreichte 88,6% der möglichen Punkte an diesem Tag. Ich merkte schon am Tag 1, wie mich das schon mental heftig forderte. Man steht von Anfang bis Ende voll unter Strom um die Konzentration aufrecht zu erhalten. Am Ende jeden Wettkampftages war zu mindestens ich mental vollkommen erschöpft. Tag 3 lief erst mal okay an, doch dann legte sich ein Schalter um und ich blieb weit unter meinen Möglichkeiten. Die einfachsten Schüsse versemmelte ich zuverlässig. Das zog sich in den Tag 4 rein. Erst am Schluss, nach dem ich eh abgeschlossen habe, fand ich eine gewisse Linie wieder. Das Selbstvertrauen aber, meine unbedarfte Leichtigkeit war dahin.


    Dementsprechend war die DM am letzten WE ein Krampf. Mir gelang es wieder zu treffen und ich lieferte solide Ergebnisse ab, die mir am Ende Platz 4 bescherten, aber das Schießen selbst machte mir kein Spaß. Gruseliger Weise gelangen mir gerade auf den weiten, schwierigen und anspruchsvollen Schüssen bemerkenswerte Innenkill-Treffer, wärend ich bei simplen Stationen, die prima Punkte liefern sollten, wieder Nerven zeigte.


    Mit hätte, wäre, könnte wäre sicher das Treppchen drin gewesen, aber darum geht es nicht. Ich will wieder meine Ruhe, Zufriedenheit und Gelassenheit. Von Verbandsturnieren nehme ich vorerst Abstand. Der Spaß an der Sache ist mir wichtiger. Dahin möchte ich wieder zurück. Wenn ich auch noch nicht weiß wie.


    So etwas könnte ich in kein Bogenforum wirklich stellen. Kaum einer gibt sich gern die Blöße, mental zu schwächeln. Allein beim Thema "Targetpanik" kommen viele "gut gemeinte" Ratschläge von Leuten die nicht annähernd wissen, was das eigentlich bedeutet. Dafür habe ich kein Nerv. Mir ist allerdings bewusst, dass meine momentane Instabilität der beste Weg zu einer Targetpanik führen kann. Als Sarkastischer Mensch kann ich besonders auch mich selbst sarkastisch betrachten, woran die Targetpanik bisher noch heftig gescheitert ist.

    Mal sehen wie es weiter geht...

  • Mach ne Pause. Und danach erstmal keine Turniere oder zumindest keine "wichtigen". Sprich, Spaß bringt es wenn man auch einfach mal nur zum Spaß schießt. Vielleicht auch in nem anderen Setup. Also mal sowas wie Darts nur mit Pfeil und Bogen.

  • Ich denke, das ist eine ganz individuelle Sache. Jeder tickt da anders. Eine Pause würde bei mir nichts bringen, aber das "wichtige" ist ein guter Ansatz. Wichtige Turniere lasse ich erst mal weg. Aber die Gewichtung "wichtig" zu neutralisieren, das wäre es. Dazu ist mir Bogenschießen einfach zu wichtig. Schon wieder dieses Wort...;)

  • Tja alter Freund, wen man sich sehr in eine Sache vertieft kann der Motor schon mal überhitzen. Es hat schon einen Grund warum ich viele Dinge inzwischen sehr gemütlich angehen lasse, sonst würde ich nämlich mit blutunterlaufenden Augen Nihonto sabbernd durch die Nacht schleichen und um Bäume tanzen....An für mich wichtigen Projekten bastel ich halt in Ruhe. hetzen lasse ich mich nicht mehr. Nicht primäre Sachen, ja wenn ich dazu komme, ansonsten, mir doch wurscht.

    Was das leicht fertig mit der Welt sein angeht : Beim letzten Besuch wurden mir wieder mehr als ein Dutzend Klingen um die Ohren gehauen. stundenlang Kantei und erklären, danach weis ich auch nicht mehr ob ich Mickey Mouse oder ein Eis am Stiel bin. Da geht es zwar nicht um Killins, oder vielleicht doch. es ist sehr unschön wenn man eine Koto wegen Nervenschwäche mal eben zur Shinshinto erklärt.....Punkte kostet es nicht, nur reales Ansehen.

    So toll das Museum ist, es ist Stress pur. Jedenfalls für mich. Also mach ich ganz in Ruhe, denn wenn ich kein Spaß mehr hab daran, ich kenne mich, dann spiele ich halt irische Lieder und die Schwerter können mich mal.

    Insofern sag ich es mal mit Yogi-Bär :Versuchs mal mit Gemütlichkeit...Also Kopf nicht hängen lassen alter Knabe. ( Und ja das Recht zu dieser Ansprache erlaube ich mir, auch wenn es nicht konveniert )


  • ... na ja, als Vierter knapp am 'Treppchen' bei einer DM vorbei, ja so was aber auch ;)


    nein, ich mache mich keineswegs lustig über Dich,

    ich denke bloß, dass Du mit Deinem Hang zum Perfektionismus gerne mal alles viel zu verbissen siehst,

    kein Wunder, dass da der Spaß an der Freud leicht mal auf der Strecke bleibt.

    Dadurch entstehen dann durchaus Denk- und Handlungsblockaden.

    Natürlich weiß ich, dass es überhaupt nichts hilft, Dir zu sagen, Du mögest doch bitte entspannter sein.

    Aber vielleicht hilft es durchaus, wenn Du Dir einmal überlegst, dass Du in der glücklichen Lage bist,

    dass der Ausgang eines Turniers keine weiteren Folgen auf Dein alltägliches Leben hat,

    ganz anders als z.B. bei einem Sportler, der von seinem Sport leben muss ...


    und wenn Dir das Bogenschießen so viel Spaß bereitet, dann schieß halt und versuch einfach, es so gut wie möglich zu tun,

    Du musst doch niemandem irgendetwas beweisen, oder?

    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • Da kann ich mich Ida nur anschließen. Schieße um des schießen willen und nicht wegen selbst auferlegten Turniere.

    Tauche ein und lass Dich nicht von äußeren Dingen zu irgend etwas zwingen.

    Nicht umsonst heißt es:"In der Ruhe liegt die Kraft!"

  • Danke liebe Leute!


    All das was Ihr anbringt, ist mir absolut bewusst. Das ist ja das Lustige: ich weiß was verkehrt läuft. Aber sobald der Bogen in der Hand ist, legt sich ein Schalter um. Das bekomme ich auch vollkommen bewusst mit.


    Ich habe echt überlegt, ob ich mein Problem hier bringe, da man als Außenstehender die Tiefe der Problematik nicht so wahr nehmen kann. Das Problem tritt auch bei anderen Sportarten mit hohen mentalen Faktor auf, wie z.B. Golf.


    Aber es hat auch was Gutes. Ich verstehe endlich das Grundprinzip von Kyudo. Wir haben ja selbst eine Abteilung Kyudo im Verein. Gleichzeitig bin ich auch überzeugt, dass die Meisten dort den Kern dieses Weges nicht wirklich verstehen. Es ist vielleicht wie bei vielen Kata-Formen diverser KK´s: man läuft die Form der Form wegen, weil es halt so ist.

    Da ist wieder der übliche Spruch, das es nicht ums Treffen geht. Die Form steht im Vordergrund. Ein gefundenes Fressen für Baumumarmer und Mitte-Suchende und andere spirituell Angehauchte.

    Tatsächlich will man den Fokus auf das Ziel und das damit verbundene erwartete Ergebnis weglenken und legt dagegen den absoluten Fokus auf Form und Bewegungsablauf. Vollkommen richtig.


    Diese "Kata" existiert an sich auch im ganz normalen "westlichen" Bogenschießen, auch wenn hier der Schwerpunkt auf messbare Ergebnisse liegt. Fast alle Spitzenschützen leiden daher an Targetpanik bzw. Goldangst, obwohl diese ihre Form perfekt beherrschen. Natürlich haben diese Leute ganz andere, professionelle Unterstützung.


    Aber was ist mit dem ambitionierten Breitensportler? Ich habe am WE ganz offen mal mit einem älteren Schützen unseres Vereins geredet, der seit den 80gern schießt und sehr erfolgreich war. Trotz jahrzehntelanger Erfahrung scheitert er in den letzten Jahren an grundlegenden Bewegungsabläufen, einfach weil sich der Kopf querstellt. er schießt schon lange keine Turniere mehr.


    Ich hoffe Ihr versteht, dass es nicht der Zwang ist, gut bei Turnieren da zu stehen, sondern das der Krieg ganz individuell und nach außen unbemerkt im Kopf tobt. Man weiß es, kann aber kaum was machen.


    Jetzt ist es bei mir Gott sei Dank nicht so heftig und schlimm. Ich habe weder Targetpanik noch Goldangst, aber ich merke, dass wenn ich so weiter mache, auf dem besten Wege dahin bin. Das ist echt faszinierend zu erfahren (in gewisser Weise ;-))


    Ich achte momentan ganz bewusst, noch mehr als sonst auf die Bewegungsabläufe und schieße am Beginn eines Trainings auf kurze Entfernungen und leere Auflagen. Ich versuche bewusst nicht das Ergebnis des Schusses zu analysieren, sondern bestenfalls nur des Bewegungsablaufes.

  • Sabiji, erinnerst du dich an unserer etwas längeres Gespräch wie man sich selbst erfolgreich im Wege steht ? Willkommen im Verein alter Freund.

    Und nein, das ist nicht faszinierend, das ist riesen Mist. Je mehr du in die Profirichtung gehst, um so schlimmer wird es. Als wir uns vor ca 30 ig Jahren kennen lernten war ich auch noch sehr unbeschwert, heute ?

    Heute bin ich berühmt berüchtigt wie sonst was, kurz aus dem Druck kommt man nie, nie wieder raus. Unter dem Dauerdruck seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, das ist eben nicht leicht.

    Das Üble an der Sache :Die Ansprüche an dich selber werden immer höher, vollkommen egal was die Umwelt sagt. Selbst wenn du Gold geschossen hättest, du würdest zu Hause sitzen und sagen "Der Pfeil hätte noch gerade im Ziel stecken können" Als Resultat wird man immer unsicherer eben weil man sich nicht genügt....Man bemerkt den Teufelskreislauf der sich in Gang setzt.....

    Was ich hier beschreibe ist die Entwicklung eines Menschen, nicht mehr.

  • Wieso sollte jemand unsicher werden, der daran arbeitet, seine Sache immer so gut zu machen, wie es ihm im Moment möglich ist?

    Und solange die Freude an der Sache gegeben ist, bemüht man sich einfach darum, immer mehr möglich zu machen,

    wohl wissend, dass man niemals perfekt sein wird, weil es immer noch ein bisschen besser geht.

    Unzufriedenheit mit den eigenen Ergebnissen kann durchaus auch ein Antrieb sein, Dinge zu verändern und zu verbessern.


    Die Unsicherheit entsteht nicht, weil man noch nicht 'perfekt' ist,

    sondern weil ein Druck erzeugt wird, der die unbefangene Freude an der Sache nimmt.


    Kleines Alltagsbeispiel:

    Ich habe in meiner Jugend viele Jahre als Torfrau bei einem nicht ganz unbekannten Handballverein gespielt,

    das war dann zunächst mal immer eine Sache zwischen dem 'Ball' und mir,

    da war immer die Forderung, den schnapp ich mir, den lass ich nicht rein,

    und daran habe ich gearbeitet und bin immer noch ein bisschen besser geworden.

    Aber dann gab es auch Spiele, bei denen stand ich unter Druck,

    und dann habe ich blöderweise das Duell zwischen dem Ball und mir aus dem Blickfeld verloren,

    ja und dann ging's eben schief, das hatte aber rein gar nix mit irgendwelchen überzogenen Ansprüchen zu tun, die ich an mich selbst gestelllt hätte.

    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • Ida, das ist nicht so einfach. Zwei Leute in meinem Verein haben massive Target-Panik. Beides Umsteiger aus dem Olympischen Bogenschießen in den traditionellen Bereich. Okay, einer schießt gerne Turniere, der andere überhaupt nicht und hat auch kein besonderen Ehrgeiz.

    Es ist beiden unmöglich, die Sehne zum Anker zu ziehen. Sie schaffen es körperlich nicht. Ohne Pfeil oder ohne Ziel - kein Problem. Sobald das Ziel sichtbar -> Blockade! Das ist ganz ernsthaftes, massives Problem, das nicht mit - ach bleibe mal locker, habe wieder Spaß, schnaufe mal durch - zu lösen ist.

  • Das Gefühl ist aber normal irgendwie.Ich hab dir oft genug erzählt das ich vor einem teurem Schwert sitze was ich machen soll. Ich weis welche Steine ich nehmen muß, ich weis wie es geht, kurz ich könnte...Blos es geht ewig erstmal nicht. Warum ? Weil ich dann auch genau diese Panik schiebe ! Wenn irgend was schief geht, das ist doch ein Spitzenschwert..Das geht von Schweisausbrüchen bis hin zu lustigen Alpträumen wo die Klinge abbricht und ähnlicher Irrsinn. Anders gesagt , man blockiert sich mal wieder selbst.

    Was ich dagegen mache ? ich lege das Stück zurück in den Schrank und mache erstmal etwas anderes, in der Hoffnung das der nächste Anlauf besser klappt...mehr bleibt einem nicht. Das "Spiel" kann sehr lange dauern. Das ist übrigens auch ein Grund warum einige Dinger bei mir so ewig dauern...

    Nicht sehr hilfreich ich weis, aber zumindest weist du jetzt das ihr nicht die Einzigen seid die sich damit herumärgern. Übrigens das geht vielen Polieren so.

    Vielleicht ein kleiner Trost.

  • Sag ich ja, einfach mal Pause machen. Manchmal erscheinen Dinge auch nur so schwierig, weil man sich gedanklich zu stark darin verbeißt und die Wahrheit nicht wahrhaben will. Sabijis Kollegen mögen zwar auf traditionell gewechselt haben, schießen aber immer noch auf Ziele. Es hat sich also nicht wirklich was an der Situation geändert. Warum sollte das Problem dann auch weggehen? Wenn man nicht ganz den Bogen weglegen will, dann doch zumindest das Ziel. Sprich nur Technik auf ne Art Makiwara. Und dann weitersehen.

  • Ich meinte damit nicht Pause machen. ich arbeite dann erst mal an einem Schwert was mich weniger in Panik versetzt. Das gibt wieder ein wenig Selsbtsicherheit wenn es klappt und man hat besser Karten den nächsten Anlauf hinzubekommen.

  • ... aber es ist doch wohl noch ein Unterschied, ob ich leicht panisch werde,

    weil ich ein wertvolles Schwert, das nicht mal mir gehört, ruinieren könnte

    und dafür auch geradestehen müsste,

    oder ob ich halt mal eben bei einem sportlichen Wettbewerb, von dem nüscht, aber auch rein gar nüscht abhängt, die 'Krise' krieg ...

    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • Der Unterschied ist, daß bei dir unter Umständen Schadensersatzforderungen auftauchen, zumindest aber eine gut Klinge ruiniert sein kann. Wenn Sabiji dagegen bei einem Turnier letzter wird wirkt sich das im Grunde nur auf sein Ego aus. Also echter physischer Schaden vs Ego.

  • Tyrdal, selbst bei einfachen Schwertern könnte mich Pfusch wirklich in die Katastrophe reißen. Daher interessiert mich das eben nicht mehr. Ich sehe blos in Schwertern viel, viel mehr als Wertobjekte. mir geht es um das Kunstwerk, das einmalige Objekt was ich eventuell zerschiessen könnte. Das Lusitge aqn der Sache. in den über dreißig Jahren die ich jetzt rumschleife habe ich noch nie einen ernsthaften Fahler gemacht. man sollte also meinen ich müßte super duper selbstsicher sein. Stimmt nur nicht. Je länger ich das mache , um so nervöser werde ich.

  • also doch ein Unterschied zum Sport:

    Du könntest immerhin ein unwiederbringliches Original zerstören, und dessen bist Du Dir bewusst ...

    Suche das Einfache und misstraue ihm.