Das Nibelungenlied habe ich immer gemocht ...

  • Also, das war so:
    Die beiden kannten sich von früher her.


    Unser Dichter erwähnt das nicht;
    ob er denkt, dass diese Bekanntschaft ohnehin jedem seiner Leser geläufig ist,
    oder ob es ihm irgendwie peinlich ist, darüber zu sprechen, kann ich jetzt nicht so genau sagen ...


    Jedenfalls berichtet uns die alte Sage davon, dass Siegfried und die jungfräuliche Heldin einander bereits früher begegnet sind
    und dass Siegfried damals gekniffen und die Dame einfach sitzen lassen hat ...
    Da war er halt noch recht jung, aber als er nun wieder kam, hegte Brunhild wohl die Hoffnung, dass er jetzt gereift genug war, sie gebührend zu schätzen ...


    Wie groß musste ihre Enttäuschung sein, als sie begriff, dass Siegfried gar nicht ihretwegen gekommen war?


    Siegfried trägt also König Gunthers Brautwerbung vor (nicht, dass es Gunther die Sprache verschlagen hätte, aber hohe Herren haben sowas damals nicht selbst gemacht ...)
    Vielleicht hat sich unser Held dabei doch ein klein bisschen geschämt;
    jedenfalls sucht er zum Schluss nach einer Entschuldigung: "ja gebôt mir her ze varne, der recke wolgetân: môht' ich es ím geweigert han, ich het iz gérné verlân."
    (Der vorbildliche 'Recke' hat mir befohlen, an dieser Fahrt als sein Brautwerber teilzunehmen; wäre es mir möglich gewesen, ihm das abzuschlagen, ich hätte es gerne getan.)
    Wie dem auch immer sei, Brünhild weiß nun, woran sie ist.
    Ob sie nun innerlich kocht oder auf eiskalte Rache sinnt, kann ich nicht sagen; nach außen hin bewahrt sie jedenfalls die Fassung:
    "Hm, er ist also dein Herr, und du bist sein Gefolgsmann ..., nun denn, wenn er also die Kampfspiele, die ich ihm anbiete, bestehen sollte, so werde ich wohl seine Gemahlin.
    Wenn es aber so ist, dass ich gewinne, dann kostet es euch alle das Leben." (unt ist, daz ich gewinne, ez gêt iu allen an den lîp.)

    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • Da bittet Hagen von Tronje mit leicht spöttischem Unterton (dieser Unterton wird ihm übrigens schon bald vergehen ...):


    "Herrin, nun erklär uns endlich deine gewaltigen Kampfspiele;
    da müsste es schon hart zugehen, wenn mein Herr Gunther euch den Sieg überließe.
    Der traut sich nämlich durchaus zu, eine so schöne junge Frau wie euch zu erobern."
    (Dô sprach von Tronege Hagene: “frouwe, lât uns sehen
    iuwer spil diu starken. ê daz iu müeste jehen
    Gunther mîn herre, dâ müestez herte sîn.
    er trûwet wol erwerben ein alsô schoene magedîn.)




    Fortsetzung morgen ...

    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • … Brünhild erklärte noch einmal geduldig die Spielregeln (Speerwerfen auf den ‚Mann‘, Steinweitwurf und Dreisprung),
    und sie wies auch noch einmal auf die Tatsache hin, dass Gunther alle drei Wettbewerbe gewinnen muss, ansonsten würde er mitsamt seinen Gefolgsleuten den Tod finden,
    und sie schloss mit den Worten: „Ihr könnt hier eure Ehre und euer Leben verlieren, das solltet ihr euch gut überlegen." (ir muget wol hie verliesen die êre und ouch den lîp. Des bedénket iuch vil ebene.);
    aber der verliebte Gunther, welcher im übrigen voll auf die Hilfe Siegfrieds vertraute, mochte von alledem nichts hören.


    Brünhild zog sich also in ihre Kemenate zurück, um sich ihre prächtige Rüstung anzulegen:
    Das ‚wâfenhemde‘ (Unterhemd, auch ‚spaldenier‘ genannt) war aus wertvoller libyscher Seide gefertigt und mit einer glänzenden Borte verziert.
    Die Brünne bestand aus rotem Gold und darüber wollte sie einen exquisiten Waffenrock aus Seide von Azagouc (nein, das ist kein Modeschöpfer, sondern ein Land im tiefsten Orient …) tragen,
    den sie aus ihrem gut gefüllten Kleiderschrank auswählte.
    Wie man sich denken kann, dauerte das Ankleiden also etwas länger, zumal ja auch noch der zum Waffenrock passende Schmuck ausgesucht werden musste. …


    Unterdessen warteten König Gunther und seine Gefährten auf den Beginn der ‚Spiele‘.
    Nur Siegfried schien sich ein bisschen zu langweilen, jedenfalls schlenderte er scheinbar ziellos über das Gelände und entfernte sich immer mehr vom Schauplatz.
    Auf der Gegenseite war eine gewisse Geschäftigkeit zu erkennen:
    Der Kampfplatz wurde abgesteckt und es versammelten sich mehr als siebenhundert isländische Helden, um dem bevorstehenden Kampf zuzuschauen.
    Dass die gegnerischen Fans bewaffnet waren und übermütige Reden schwangen, beunruhigte Hagen und Dankwart zutiefst, zumal Siegfried sich anscheinend schon verkrümelt hatte.


    Der nun folgende Auftritt Brünhilds war wirklich beeindruckend.
    Natürlich war sie auch in ihrer Rüstung wunderschön anzuschauen, allerdings hatten unsere drei Recken weniger die Schönheit der Dame im Blick als den Rest der Inszenierung.
    Vom Gefolge Brünhilds wurden nämlich ihre ‚Spielgeräte‘ hereingetragen:
    - ein Schild, der zwar wegen seiner Verzierungen sehr schön aussah, aber so schwer war, dass ihn ihr Kämmerer nur gemeinsam mit drei anderen Männern schleppen konnte,
    - ein Speer, den drei Gefolgsleute Brünhilds kaum tragen konnten und dessen Spitze auffällig scharf geschliffen war,
    - sowie zu guter letzt ein schwerer Stein, der von einem ganzen Dutzend kühner Helden getragen werden musste.


    Wer könnte es da dem König Gunther verdenken, dass ihm bei diesem Anblick das Herz in die Hose rutschte und er sich weit weg von hier an den heimatlichen Herd wünschte.
    Hagen, welcher das Mienenspiel seines Herrn aufmerksam verfolgte, fluchte: „Diese Frau sollte besser die Braut des Teufels sein …“ (jâ sol si in der helle sîn des übeln tiuvels brût.)
    Aber ein Rückzieher war jetzt aus Gründen der Ehre natürlich nicht mehr möglich, also musste der Wettkampf beginnen. …




    Fortsetzung folgt ...

    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • Brünhild krempelte also die Ärmel ihres Waffenrocks hoch und hob mit leichter Hand Schild und Speer.
    König Gunther, der notgedrungen ebenfalls seinen Schild hob, haderte im Stillen mit Siegfried, der sich so schnöde davongemacht hatte,
    obwohl er doch seine Hilfe versprochen hatte;


    Siegfried hatte sich zwar tatsächlich vom Kampfplatz entfernt, aber nur, um unbemerkt seine Tarnkappe anlegen zu können,
    und im entscheidenden Augenblick war er selbstverständlich wieder zur Stelle.


    Gerade als Gunther sich schon fast an den Gedanken gewöhnt hatte, dass es nun wohl mit ihm vorbei sein werde,
    spürte er eine unsichtbare Hand auf seiner Schulter und hörte Siegfried sagen:
    „Ich übernehme jetzt das Ganze, deine Aufgabe ist nur, genau aufzupassen, was ich mache, und dann so zu tun, als ob du selbst kämpfen würdest.
    (‚nu hab dú die gebäre, diu werc will ich begân.‘) Mit diesen Worten ergriff er des Königs Schild.


    Der Stein, der Gunther da vom Herzen fiel, war mindestens so groß wie der Wettkampfstein.



    Fortsetzung folgt morgen ...

    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • Brünhild, die von all dem natürlich nichts mitbekommen hatte, erhob den scharfen schweren Speer hoch über ihr Haupt,
    lehnte sich weit zurück und schleuderte ihn mit einer so großen Kraft, dass er nicht nur Gunthers Schild sondern auch noch Siegfrieds Rüstung durchbohrte und beide Kämpen ins Straucheln gerieten.
    Die Zuschauer waren beeindruckt, sowohl von dem mächtigen Wurf, der Funken aus Schild und Rüstung sprühen ließ, als auch von Gunther, der zwar ins Wanken geriet, ansonsten aber auf seinen Füßen blieb.
    Man kann sich jedoch unschwer vorstellen,
    was ohne Siegfrieds ‚Drachenhaut‘ und ohne seine Tarnkappe (welche ja nicht nur unsichtbar machte, sondern auch noch die zusätzliche Kraft von zwölf Männern verlieh) geschehen wäre …


    So, aber nun war Gunther mit dem Werfen an der Reihe.
    Siegfried hatte den Speer bereits aus dem Schild gezogen und setzte zum Wurf an, als ihm ein Gedanke kam:
    Um hier zu gewinnen, müsste dieser Wurf noch besser sein als der von Brünhild, was aber leicht zur Folge haben könnte, dass Gunther dann nur noch eine tote Braut hätte …
    (Er dâhte: „ich wil niht schiezen daz schoene magedîn.“)
    Aber Siegfried fand auch für dieses Problem eine Lösung. ‚er kêrte des gêres snîde hinder den rucke sîn. Mit der gêrstangen er schôz ûf ir gewant …‘
    Er drehte also den Speer um, dann holte er weit aus, wobei er Gunther fast den Arm ausrenkte, und warf.
    Der Speerschaft traf Brünhilds Schild mit einer solchen Wucht, dass diese sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte und auf den Rücken purzelte.
    Äußerlich unverletzt sprang sie zwar sofort wieder auf, ihr Stolz jedoch hatte eine tiefe Schramme abbekommen.
    Kühl dankte sie ihrem vermeintlichen Gegner mit den Worten „Gunther, ritter edele, des schuzzes habe danc.“ („Gunther, edler Ritter, für diesen Schuss sei bedankt.“)
    Während sie diese Worte sprach, dachte sich die zornige Maid: „Wollen wir doch einmal sehen, ob er ebenso gut im Weitwurf und im Springen ist …“

    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • Ihre Wut verlieh ihr zusätzliche Kräfte, sie schnappte sich den Stein und schleuderte ihn ganze zwölf Klafter weit
    (1 Klafter ist das Maß, welches man erhält, wenn man sich mit nach links und rechts ausgestreckten Armen hinstellt und dann die Entfernung vom linken Mittelfinger zum rechten Mittelfinger misst).
    Der Stein war also ungefähr 21,60 Meter weit geflogen (zum Vergleich: der Weltrekord der Männer im Kugelstoßen liegt bei 23,12m, aber so eine Kugel wiegt ja auch nur sieben und ein achtel Kilogramm),
    und nun sprang Brünhild aus dem Stand mit klirrender Rüstung und fliegenden Haaren hinterher.
    Als sie nach dem dritten Sprung sicher auf ihren Füßen landete, war sie noch weiter gekommen als der Stein
    (der Dreisprung-Weltrekord der Männer liegt übrigens bei 18,29m, aber die springen mit Anlauf, ohne Rüstung und landen eher unelegant in einer Sandgrube).


    Ächzend schleppten darauf die zwölf Männer den Stein zurück, weil jetzt die Reihe an Gunther war, zu zeigen, was er kann.
    Der konnte den Stein nicht einmal zum Wackeln bringen, geschweige denn aufheben.
    Da war aber auch schon Siegfried zur Stelle, und Gunther bewährte sich wieder in seiner Schauspielrolle.
    Siegfried nahm den Stein, und wie von einem Katapult geschnellt flog der noch deutlich weiter als zwölf Klafter.


    Danach sprang unser Held, und wie er sprang: obwohl er noch Gunther zu tragen hatte, schaffte er es, die Weite seines Steinwurfes um Längen zu übertreffen,
    und selbstverständlich legte Gunther eine sichere Fußlandung mit der Haltungsnote ‚eins‘ hin.
    'Der sprunc der was ergangen, der stein der was gelegen, dô sach man ander niemen wan Gunther den Degen.'
    (Der Stein war geworfen, der Sprung war getan, man konnte dabei niemand anderen als den Kämpfer Gunther sehen)


    Brünhild verstand die Welt nicht mehr.



    Fortsetzung folgt ...

    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • Im Burghof herrschte eine unnatürliche Ruhe, jeder wusste, dass Brünhild nun die Gemahlin dieses Burgundenkönigs werden musste,
    aber niemand wünschte sich das wirklich, außer Siegfried (weil er sonst nämlich seine Kriemhild nicht bekäme) und vielleicht noch Gunther selbst.
    Irgendetwas musste Brünhild jetzt sagen, schließlich hatte sie ihr königliches Wort gegeben.
    Also teilte sie ihrem Gefolge zunächst einmal mit, dass es von nun an dem König Gunther untertan zu sein habe.


    Aber insgeheim dachte sie doch darüber nach, wie sie aus der ganzen Sache noch herauskommen könnte …
    na ja, sie hat also zunächst mal darauf bestanden, dass ihre ganze Verwandtschaft vor Ort versammelt werden sollte, um zu entscheiden, wie es weitergehen sollte,
    aber irgendwie hatten die anscheinend auch alle keine rechte Lust, das Blatt zu wenden, denn schließlich erkannten sie wohl, dass sie besser dran wären,
    wenn der 'Chef' weit weg ist, und weit weg wollte Gunther ja mit seiner Königin fahren ...
    also musste sie in den sauren Apfel beißen und mit ihrem zukünftigen Gemahl gen Burgund reisen.
    Dort wurde sie auch, weil entsprechend angekündigt, mit allen Ehren empfangen,



    In der Hundeshagener Handschrift wird der Empfang so dargestellt:


    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • ... zunächst wurde erst mal Hochzeit gefeiert genauer gesagt: Doppelhochzeit,
    Siegfried bekam natürlich auch, wie versprochen, seine Kriemhild.


    Brünhild fand es aber keineswegs lustig, dass Siegfried die Schwester des Königs ehelichen durfte, obwohl er angeblich dessen Vasall war.
    Sie witterte Verrat, auch wenn sie nicht so genau wusste, wie er zustande gekommen sein sollte.
    Der Dichter sagt dazu, dass sie einen Schmerz wie nie zuvor empfand und dass ihr deshalb viele heiße Tränen über ihre weißen Wangen rannen.
    (schließlich hatte sie sich ja früher mal mit Siegfried als so gut wie verlobt betrachtet ...)
    '... done wart ir nie sô leit ... weinen si began. ir vielen heize trähene über liehtiu wange dan'
    Gunther versuchte seine Braut zu beruhigen, so gut er konnte, aber es wollte ihm doch nicht so recht gelingen.


    Irgendwann war Gunther der Feier überdrüssig, und er dachte, dass es wohl angenehmer wäre, neben seiner schönen Frau zu liegen.
    (Er dâhte, er laege sampfter der schoenen vrouwen bî)
    Man bat also die Gäste, ihre Vergnügungen zu beenden, weil der König mit seiner Gemahlin zu Bett gehen wollte.
    (Ir Ritterschaft die geste bat man abe lân: der künic mit sînem wîbe ze bette wolde gân.)



    Beim nächsten Mal erzähle ich euch dann, wie es Gunther erging, als er mit Brünhild allein war ...

    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • … Nun, so viel kann ich euch gleich sagen, es erging ihm in dieser Nacht sehr schlecht,
    aber alles schön der Reihe nach:


    Voller Vorfreude geleitete Gunther seine wunderschöne Braut ins Schlafgemach.
    Er wartete, bis sich Brünhild zu Bett begeben hatte, blies die Kerze aus und gedachte,
    sich ihr zärtlich zu nähern.


    Die Braut jedoch zeigte sich unerwartet störrisch, weil sie immer noch Verrat witterte (zu Recht, wie wir wissen):
    Si sprach: “ritter edele, ir sult iz lâzen stân.“(Edler Ritter, lasst das gefälligst sein),
    und weil er nicht gleich verstand, stieß sie ihn energisch zurück.


    Der völlig verdatterte Gunther dachte bei sich, er hete sampfter bî andern wiben gelegen.
    Und dann beging er einen entscheidenden Fehler, er vergaß nämlich, wie stark Brünhild war,
    und wollte sich mit Gewalt nehmen, was ihm seiner Meinung nach zustand.
    Na, da geriet er bei Brünhild aber an die Falsche.
    Die schnappte sich ihn, band ihm mit ihrem langen, starken Gürtel Hände und Füße zusammen und hängte ihn kurzerhand an einem Nagel an die Wand.
    (Die füeze unt ouch die hende si im zesamne bant,
    si truoc in z’einem nagele unt hienc in an die want.)
    Danach legte sie sich seelenruhig schlafen und kümmerte sich nicht mehr um ihn.



    Fortsetzung folgt

    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • Gunther hatte also keine angenehme Nacht verbracht.
    Am nächsten Morgen band Brünhild dann dieses 'Häufchen Elend' los,
    schließlich war ihr nicht nach einem Skandal zu Mute,
    der unweigerlich entstanden wäre, wenn ihn sein Kämmerer in dieser unschicklichen Lage vorgefunden hätte.


    Im Laufe des Tages kam König Gunther zwar seinen höfischen Pflichten nach,
    so schlug er zum Beispiel sechshundert junge, erwartungsfrohe Knappen zu Rittern, und man feierte fröhlich,
    aber Siegfried merkte schon, dass irgendetwas nicht mit ihm stimmte.
    In einem ruhigen Augenblick nahm er ihn sich zur Seite und erkundigte sich nach dem Grund für seine Niedergeschlagenheit.
    Und Gunther klagte ihm sein Leid:
    ich hân laster unde schaden, want ich han den übeln tiuvel heim ze hûse geladen
    (ich habe Schimpf und Schande erlitten, denn ich habe mir den bösen Teufel ins Haus geholt)
    und schilderte sein Ungemach in allen Einzelheiten.
    Und weil Siegfried diesen Jammer nicht mitansehen mochte, war er natürlich sofort bereit,
    seinem Schwager zu helfen.


    Tja, was dann kommt, gereicht den beiden Herren nicht wirklich zur Ehre,
    aber es muss erzählt werden, um zu verstehen, wie es zu dem Untergang der Nibelungen kam ...

    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • Die List, die schon in Isenstein zum Ziel führte, soll noch einmal angewandt werden.
    Siegfried will die Tarnkappe tragen und der Dame weismachen, dass es Gunther ist,
    der sie 'bändigt', und dieser soll dann im entscheidenden Augenblick zur Stelle sein.


    Gunther ist begeistert von Siegfrieds Vorschlag, er gibt Siegfried völlig freie Hand:


    'sô tuo ir, swaz du wellest: unt næmest ir den lîp,
    daz sold ich wol verkiesen; si ist ein vreislîchez wîp.'
    (Mach mit ihr alles, was du willst, und wenn du ihr das Leben nähmest,
    so würde ich das nicht bestrafen; denn sie ist eine furchtbare Frau.)


    nur eins bedingt er sich aus:
    Siegfried darf sie nicht entjungfern, denn das ginge gegen des Königs 'Ehre'.
    Da unser junger Held ohnehin bis über beide Ohren in seine Kriemhild verliebt ist
    und genug mit ihr zu tun hat und weil er seinen Schwager mag,
    stimmt er dieser Bedingung sofort zu.
    Und so nehmen die Dinge ihren Lauf …


    In der Schlafkammer ist es stockfinster, und Brundhild ist fest davon überzeugt,
    es wieder mit Gunther zu tun zu haben.
    Als Siegfried beginnt, zudringlich zu werden, warnt sie ihn zunächst,
    aber schließlich wird es ihr zu viel und sie weist ihn in seine Schranken:
    'Si beslôz mit armen den tiwerlîchen degen.
    Waz half sîn grôziu sterke unt ouch sîn michel kraft,
    si erzeigete dem degene ir lîbes meisterschaft.
    si truoc in mit gewalte (daz muos’ et alsô sîn)
    unt druht’ in ungefuoge zwischen die want und ein schrîn.'
    (Sie umschloss den wackren Ritter mit ihren Armen und bewies ihm ihre erstaunliche Stärke:
    Gewaltsam trug sie ihn und klemmte ihn, nicht zimperlich, zwischen die Wand und eine Truhe.)


    So, da steckt er nun jämmerlich fest und muss warten, bis ich weiter erzähle ...

    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • LIebe Ida, deine Übertragung ist spitze. Das Gefühl der Geschichte kommt wunderbar hervor.
    Wäre ich Hänschen Rosenthal so würde ich jetz hüpfen ! Das ist Spitze !

  • ...
    Wenn ein Held sich in einer so unbequemen Lage befindet,
    dann gehen ihm natürlich auch unbequeme Gedanken durch den Kopf.
    Unser Held dachte Folgendes:


    Owê”, dâht’ der recke, “sol ich nu mînen lîp
    von einer magt verliesen, sô mugen elliu wîp
    her nâch immer mêre tragen gelpfen muot
    gegen ir manne, diu ez sus nimmer getuot.”


    (Verdammt, wenn ich jetzt mein Leben durch die Hand eines Mädchens verliere,
    dann können künftig alle Frauen, die vorher nicht mal im Traum daran gedacht haben,
    sich ihren Männern widersetzen.)


    Das durfte nun auf keinen Fall sein, deshalb bot unser Held all seine Kräfte
    (und die Kräfte der zwölf Männer, welche ihm seine Tarnkappe verlieh) auf,
    um aus dieser misslichen Lage wieder heraus zu kommen, was ihm schließlich auch gelang.
    Im anschließenden Ringkampf packte ihn Brünhild so hart an den Handgelenken,
    dass ihm das Blut unter den Fingernägeln hervor schoss:
    si druht’ im sîne hende, daz ûz den nageln spranc
    daz bluot im unde ir krefte; daz was dem helde leit.


    Trotzdem muss ich leider vermelden, dass Brünhild nach einem harten Kampf,
    in dem es manchmal durchaus so aussah, als ob sie gewinnen könnte,
    unterlag und schließlich aufgeben musste.
    Und in dieser Situation konnte es sich Siegfried nicht verkneifen, eine Trophäe für seinen hart erkämpften Sieg einzukassieren:
    Er entwendete Brünhilds Gürtel und Ring, ohne dass diese in ihrer jämmerlichen Lage noch etwas bemerkte.


    Die Episode findet ihr vorläufiges Ende darin, dass Gunther zu seinem 'Recht' kommt und Brünhild mit ihrer Jungfräulichkeit auch ihre Stärke verliert.
    Aber die scheinbare Ruhe täuscht ...

    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • … der Widerspenstigen Zähmung war also vollbracht, und Siegfried konnte sich wieder seiner Kriemhild zuwenden.

    Was dann in der trauten Kammer der beiden geschah, berichtet der Dichter nicht, er schreibt nur lapidar:

    er gab iz sînem wîbe: daz wart im sider leit.

    (Ring und Gürtel gab er seinem Weib, das sollte ihm noch leid tun.)


    Aber ich kann mir lebhaft vorstellen, wie das war:

    Immerhin gibt es da ja vorher noch die Verse 661 und 662 (unmittelbar vor der 'Zähmung'):

    Siegfried und Kriemhild saßen gemütlich beisammen und schmusten ein wenig,

    sie streichelte ihn geräde zärtlich mit ihrer schneeweißen Hand, als er plötzlich – sie hätte nicht sagen können,

    wann und wie – vor ihren Augen verschwand, und sie wunderte sich sehr

    mich hât des michel wunder, war der kunic sî bekomen.

    (Das war, als er seine Tarnkappe aufsetzte, um Gunther in Sachen Brünhild unter die Arme zu greifen.)


    Als Siegfried nun nach längerer Zeit in ziemlich derangiertem Zustand zu ihr zurückkehrt, quengelt sie natürlich ordentlich

    und will genau wissen, was er gemacht hat und wo er gewesen ist.

    Und sie gibt nicht eher Ruhe, als bis er ihr alles erzählt hat, zum Beweis seiner Geschichte gibt er ihr dann Ring und Gürtel.


    Zur Beruhigung seines Gewissens nimmt er ihr noch das Versprechen ab, nichts davon verlauten zu lassen,

    schließlich hat er ja Gunther versprochen, niemandem etwas davon zu erzählen,

    aber der Samen für künftiges Unheil ist nun gelegt, er braucht nur noch einige Zeit, um aufzugehen ...

    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • ...

    Die Hochzeitsfeierlichkeiten dauerten noch vierzehn Tage,

    die Kosten, die König Gunther dafür entstanden, waren immens,

    (Diu hôhzît dô werte unz an den vierzehenden tac,

    ...

    dô wart des küneges koste vil harte hôhe gewegen.)
    aber schließlich machten sich doch alle Gäste wieder auf den Heimweg.

    Als letzte zogen Siegfried und Kriemhild von dannen,

    schließlich wollte Kriemhild ja auch irgendwann mal Königin und nicht nur die kleine Schwester von Königen sein;

    und Siegfried erinnerte sich an seine Verpflichtungen im Lande seiner Eltern.


    Nach längerer Zeit bringt Kriemhild dann einen Sohn zur Welt, den sie Gunther nennt;

    vielleicht hat sie doch ein bisschen Heimweh nach Worms.

    Etwa zur gleichen Zeit wird auch Brünhild von einem Sohn entbunden;

    der Knabe wird Siegfried genannt, man darf über den Grund für die Namensgebung spekulieren ...


    Wie dem auch immer sei, das Nibelungenlied könnte hier zu Ende sein,

    wenn nicht ...







    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • Zehn Jahre weilten Siegfried und Kriemhild nun schon fernab von Worms,

    und es ging ihnen ausgesprochen gut in Xanten.

    Auch in Worms schien alles in bester Ordnung zu sein, aber der Schein trügt.

    Brünhild war seit ihrer Hochzeitsnacht von einer seltsamen Schwermut befallen,

    ständig grübelte sie darüber nach, wie es wohl dazu kommen konnte, dass ihr hoher Gemahl, König Gunther,

    seine Schwester ohne Not mit einem seiner Lehensmannen verehelichte.


    Schließlich wollte sie es genauer wissen und bat König Gunther, Siegfried und Kriemhild an den Wormser Hof zu laden.

    Gunther war das ganz und gar nicht recht und er versuchte sich rauszureden:

    “Wie möhten wir si bringen”, sprach der künec rîch,

    “her zuo disem lande? daz wære unmügelîch.

    si sitzent uns ze verre, ine getar sis niht gebiten.”

    ('Wie könnten wir sie wohl in dieses Land bringen?' fragte der mächtige König.
    'Das dürfte unmöglich sein. Sie wohnen zu weit weg von uns; ich wage nicht, sie hierher zu bitten.')


    Aber Brünhild quengelte so lange, bis Gunther ihr nachgab und eine Einladung an den Xantener Hof sandte.



    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • Also wurden 30 Ritter unter dem Befehl des Markgrafen Gere losgeschickt, die Botschaft zu überbringen.


    Und Siegfried, dem vom vielen Regieren schon ziemlich langweilig geworden ist,

    freut sich beim Empfang der Boten schon darauf, dass es endlich mal wieder richtig zur Sache geht:


    Sît daz wir von in schieden, hât in iemen iht getân

    den mînen konemâgen? daz sult ir mich wizzen lân.

    daz wil ich in immer mit triuwen helfen tragen,

    unze daz ir vîende den mînen dienest müezen klagen.”

    (na, wenn meine Verwandtschaft Hilfe benötigt, dann werde ich ordentlich unter ihren Feinden dreinschlagen)


    aber nachdem Gere diesen Irrtum aufgeklärt hat, lässt Siegfrieds Begeisterung merklich nach,

    und er braucht geschlagene 9 Tage Bedenkzeit, bis er endlich dem Drängen Kriemhilds und dem Wunsch seines Vaters,

    der dieses Worms doch auch einmal gerne sehen möchte, nachkommt und die Einladung annimmt.


    Gunthers Küchen- und Quartiermeister bekommen nun ordentlich zu tun:

    denn die Gäste reisen in Begleitung von 1100 Rittern und sehr vielen vornehmen Damen an ...





    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • Man reiste also standesgemäß auf edlen Pferden und mit unzähligen Reisetruhen an,

    die vollgestopft waren mit allem, was gut und teuer war.

    Und nach der umständlichen, etwas steifen Begrüßungszeremonie konnte endlich das Feiern losgehen.

    Das heißt, tagsüber wurden Kampfspiele geboten, abends traf man sich dann bis in die Nacht zum Gelage,

    fahrende Sänger priesen die Taten der Helden, und Sindold, der Mundschenk, sah mit Schrecken,

    wie sich Fässer und Krüge im Keller mit unheimlicher Schnelligkeit leerten.

    Die armen Waschfrauen waren am Rande eines Nervenzusammenbruchs,

    denn ein Teil des Weines landete auch auf der kostbaren Kleidung der hohen Herrschaft:

    vil der rîchen kleider wart von wîne naz,

    dâ die schenken solden zuo den tischen gân.

    So ging das nun schon zehn Tage lang und Brünhild gab sich während dieser Zeit redlich Mühe, mit ihrer Schwägerin gut auszukommen,

    aber am elften Tag platzte ihr der Kragen, und das Unheil nahm seinen Lauf ...


        

    Suche das Einfache und misstraue ihm.