Das Nibelungenlied habe ich immer gemocht ...

  • Mittlerweile sind wir bei der 14. Aventiure angelangt, und deren Überschrift lautet:

    'wie die küneginne einander schulten'


    Zunächst hört sich das gar nicht mal so aufregend an:

    Eltern schelten ihre Kinder, Lehrer ihre Schüler, Meister ihre Lehrlinge ...

    die eigentliche Brisanz liegt darin, dass hier zwei Königinnen einander schelten,

    d.h. jede versucht, die andere zurechtzuweisen.


    Angefangen hat damit Brunhild, aber ich kann sie gut verstehen,

    irgendwann, genauer gesagt, am elften Tag des Besuchs, konnte sie einfach das hohle Geschwätz ihrer Schwägerin,

    in dem sich alles darum drehte, wie großartig ihr Gatte und damit sie selbst doch war, nicht mehr ertragen.


    Und dabei fing an diesem Tag doch eigentlich alles so an wie an jedem Tag,

    die beiden Damen saßen also 'einträchtig' auf dem Altan und beobachteten die Kampfspiele.

    Aber dieses Mal übertrieb Kriemhild wirkliich, behauptete sie doch:

    'Ich habe einen solchen Mann, dass alle Reiche ihm untertan sein sollten.

    dô sprach diu schoene Kriemhilt: “ich hân einen man,

    daz elliu disiu rîche ze sînen handen solden stân.”
    Zunächst antwortet Brunhild erst mal mit einer zarten Andeutung:

    Dô sprach diu vrouwe Prünhilt: “wie kunde daz gesîn?

    ob ander niemen lebte wan sîn unde dîn,

    sô möhten im diu rîche wol wesen undertân.

    die wîle lebt Gunther sô kundez nimmer ergân.”

    (Na ja, wenn ihr beiden die einzigen auf der Welt wäret, dann könnte das angehen,

    aber da es hier auch noch Gunther (und mich) gibt, solltest du diese Phantasien vergessen.)


    Aber da Kriemhild sich damit nicht zufrieden gibt, kann Brunhild nicht mehr an sich halten und erkklärt ihrer Schwägerin,

    dass Siegfried ja eigentlich nur ein Lehensmann Gunthers sei, und sie hat ein schwerwiegendens Argument:

    Siegfried selbst habe das so gesagt (und das ist keine Lüge, wir wissen aus der Vorgeschichte, dass das tatsächlich stimmt ...)
    Also wenn Kriemhild das nun so akzeptiert hätte, dann wäre erst mal eine Welt in ihr zusammengebrochen;

    deshalb begehrt sie auf, und der Show-down ist für den Gang zum Münster angesetzt ...










    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • Kriemhild hat ihrer Schwägerin nämlich eine Kampfansage gemacht:

    "Noch heute werde ich vor aller Augen vor dir die Kirche betreten, und du wirst hinterhertrotten müssen."

    (bisher hatten die beiden Damen das Problem der Rangfolge so gelöst, dass sie einträchtig nebeneinander her in die Kirche schritten,

    ohne dass eine den Vorrang gehabt hätte.)

    dann rauscht Kriemhild ab, um ihre dreiundvierzig 'Mädchen', die sie mit an den Rhein gebracht hat, zu instruieren:

    "Jetzt kleidet euch mal so prächtig wie möglich, damit wir es der dämlichen Brunhild mal so richig zeigen können!"


    “Nu kleidet iuch, mîne meide”, sprach Sîfrides wîp.

    “ez muoz âne schande belîben hie mîn lîp.

    ir sult wol lâzen schouwen, und habt ir rîche wât.

    si mac sîn gerne lougen, des Prunhilt verjehen hât.”


    Na, das ließen sich die Mädchen nicht zweimal sagen, und als sie dann gemeinsam zur Kirche zogen,

    waren die Reichtümer ganzer Königreiche nichts gegen die Ausstattung nur eines dieser Mädchen

    (das Zeug war eben von Anfang an in den mitgeschleiften Truhen drin gewesen, und der Nibelungenschatz war sowieso unermesslich ...)


    Oh ja, angesichts dieser Pracht wäre sicherlich niemand außer Brünhild auf die Idee gekommen,

    dass Kriemhild die Gattin eines Lehensmannes sei, deshalb war ja auch das, was jetzt folgte, für die versammelte Hofgesellschaft so verblüffend ...







    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • Als Kriemhild mitsamt ihren Damen vor dem Münster aufmarschiert, wird sie bereits von Brundhild und ihrem Gefolge erwartet.

    Angesichts des ganzen Protzes wird Brunhild erst mal blass und dann wütend:

    In scharfem Ton befiehlt sie ihrer Schwägerin, stehen zu bleiben, denn die Frau eines Leibeigenen dürfe nicht den Vortritt vor der Gemahlin des Königs haben.


    Ze samne si dô kômen vor dem münster wît.

    ez tet diu hûsvrouwe durch einen grôzen nît,

    si hiez vil übelîche Kriemhilde stille stân:

    “jâ sol vor küniges wîbe nimmer eigen diu gegân.”
    (Vers 838)

    Einfach so an Brunhild vorbei marschieren kann Kriemhild nicht, dafür ist die Tür denn doch zu kklein,

    und zwischen ihr und der Tür steht nun mal eine Olympionikin.


    kampfkunst-forum.com/wcf/index.php?attachment/527/


    (Quelle)

    Das ist das Nordportal des Wormser Domes, dort sollen sich die Damen getroffen haben;

    o.k., das sieht nicht gerade großartig aus, aber als unser Dichter das Lied zu Papier brachte, sahen Domeingänge genau so aus,

    das prächtige Südportal entstand erst später.


    Aber Kriemhild kann natürlich auch nicht mehr klein beigeben, das ginge entschieden gegen ihre 'Ehre'.

    Nicht gegen ihre 'Ehre' geht es aber anscheinend, dass sie das Versprechen, welches sie einst Siegfried gegeben hatte, bricht.

    Zur Erinnerung:

    Zur Beruhigung seines Gewissens nimmt er ihr noch das Versprechen ab, nichts davon verlauten zu lassen,

    Sie nennt Brunhild laut und allgemein vernehmlich die 'Hure eines Dienstmannes', da Siegfried sie bereits vor Gunther 'besessen' habe.


    “Wen hâstu hie verkebset?” sprach dô des küniges wîp.

    “daz tuon ich dich”, sprach Kriemhilt. “den dînen schoenen lîp

    den minnet’ êrste Sîfrit, der mîn vil lieber man.

    jane was ez niht mîn bruoder, der dir den magetuom an gewan.

    (Vers 840)


    Ob dieser Ungeheuerlichkeit erstarrt nicht nur Brunhild,

    so dass Kriemhild mit ihrem Gefolge ungehindert den Vortritt für den Einzug ins Münster erhält.




    Suche das Einfache und misstraue ihm.

  • kampfkunst-forum.com/wcf/index.php?attachment/527/

    oh, hier hätte eigentlich dieses Bild zu sehen sein müssen:


    Dom-Nordportal_Foto-Stadtarchiv-P6116394.jpg

    Suche das Einfache und misstraue ihm.