Kendo und andere KK in der DDR

  • Mal eine Frage.
    Wie sah es eigentlich hinter dem lustigem Mäuerchen mit japanischen KK insbesondere Kendo aus. Wurde da was unterrichtet ? Judo und Karate glaube ich schon was von gehört zu haben, aber der Rest ?

  • Wie ernst gemeint ist die Frage? Ich frag nur, weil mich die pejorative Formulierung etwas stört. Warum geht das nicht ohne solche Vokabeln?


    Die Kurzantwort auf deine Frage ist die: Es wurde das gefördert, was olympisch war. Boxen, Ringen, Judo. Alles andere war zwar nicht verboten, wie heute gerne behauptet wird, wurde aber dem Selbstlauf überlassen. Sowas exotisches wie Kendo gab es m.W. nicht.


    Karate im zivilen Bereich in manchen Hochschulstädten, wenn ausländische Studenten eine Gruppe leiteten. Einige fuhren nach Polen, um dort Gürtelprüfungen abzulegen. Es gab einen "Vorzeige-Karateka" - Axel Dziersk aus Berlin - der hat es im Selbststudium bis zum Dan gebracht - Prüfung in der damaligen CSSR. Außerdem natürlich im militärischen Bereich - der MNK (Militärische Nahkampf) wurde in den 80ern sehr stark am Karate orientiert.


    Kleinere Interessengruppen meist - oft in Verbindung mit Judo-Leuten, die mehr wissen wollten. Unsere hieß am Anfang "Allgemeine Sportgruppe", dann "Sektion Selbstverteidigung". (Sektionen sind vergleichbar mit einer Abteilung eines Vereins heute.) Ab dem Tag, als Karate und TKD in Seoul Vorführsportart war, konnten wir alles machen. Z.B. die Sektion in "Kampfsport Karate" umbenennen.

  • Alles andere war zwar nicht verboten, wie heute gerne behauptet wird, wurde aber dem Selbstlauf überlassen. Sowas exotisches wie Kendo gab es m.W. nicht.

    Grundsätzlich wurde in der DDR gar nichts dem Selbstlauf überlassen.

    Es war auch nicht verboten mit selbstgebauten Springerstiefeln und abnormer Frisur rumzulaufen - wie ich es tat. Das es nicht erwünscht war und es zu unterbinden galt, musste ich an allen Ecken und Enden "selbst erfahren".

    Ähnlich war es mit dem Kampfsport. Derartige "Ausformungen" galt es offiziell im DTSB und GST zu unterbinden. Wie vieles lief, erfuhr ich viel später erst im nachhinein. Durch unseren gemeinsamen Bekannten (ich sage nur Budoshop) habe ich von Leuten die schon in der DDR KK betrieben, vollkommen unterschiedliche Erfahrungen geschildert bekommen. Welche, die wie selbstverständlich trainierten (mit entsprechend militärischen und politischen Hintergrund) und sogar Gürtelprüfungen ablegten, bis hin zu denjenigen, die mit allen Mitteln und Tricks die Unbilden der DDR-Realität umschiffen mussten um irgendwie dem Hobby nachgehen zu können und dabei ständig im Fadenkreuz der Stasi standen.

    Herr Dziersk zeigt mir seinen als Pferdestall getarnten kleinen Dojo. Das war schon sehr interessant. Meine Frau war Schülerin bei A. Dschiersk, ich weiß aber nicht, ob noch in den letzten Zügen der DDR oder erst nach der Wende. Ich muss sie noch mal fragen. Erst gegen Ende der 80ger wurde z.B. Karate wirklich offiziell, aber dann war es ja eh schon fast vorbei.


    Kendo: war de facto unbekannt. Als jemand, der schon als Kind alles jap. "verschlang", war vieles im wahrsten Sinne ein Mystikum. Natürlich gab es kein Videorekorder und alles, was ich irgendwie übers Fernsehen zum jap. Schwertkampf sah (und das waren in der Regel irgendwelche Samurai-Schinken) musste sich ins Gehirn einbrennen.

    Mitte der 80ger gab es dann in einem Jugendjournal eine Reihe mit Vorstellungen zu asiatischen KK, auch über Kendo. Einer der Vorgestellten war wenn ich mich richtig erinnere Peter Hösel, der sich im Rahmen seiner Kaskadeurs-Tätigkeit (ostdeutsch für Stuntman) im weitesten Sinne mit Schwertkampf beschäftigte.

    Ich fragte damals offiziell am meinen damaligen Wohnort an, aber es hieß nur: Kendo, was ist das für ein Schwachsinn? Wir haben Judo im Angebot. Mein Bokken baute ich mir selbst und übte im Keller. Nach einem Umzug sogar im Garten. Aus einem alten Kossaken-Schaschka, den die Russen bei uns im Keller vergaßen, baute ich mir sogar ein "Katana". Das was ich übte, hatte natürlich nichts mit Iai, Kenjutsu oder Kendo zu tun, sondern war das "nachgefuchtel", was ich mir aus den Filmen in Erinnerung behielt. Nach der Wende und Einführung der D-Mark war dann meine erste Amtshandlung der Eintritt in ein Kendodojo im ehem. Westberlin. Die einfache Wegstrecke von zu Hause zum Dojo waren knappe 2 Stunden.

    Herrn Hösel "in echt" sah ich das erste mal kurz nach der Wende, als es noch Waffenbörsen in Berlin gab. Dort "erschreckte" er die am Eingang wartende Menge, in dem er in irgendwelchen selbstgebastelten Rüstungen rum lief und den Ritter oder Samurai mimte.

  • Sehr seltsam das Alles. Wenn Kendo also im Grunde genommen nicht existierte, wie kann es dann Hösel in die Kendo Nationalmannschaft der DDR geschaft haben ?

    Irgendwie beginne ich leichte Knoten im Hirn zu bekommen.:/

  • KAJIHEI wie ich schon schrieb, erst Ende der 80ger wurde es in den KK´s wirklich erst offiziell, ob Karate oder Kendo oder sonst was. Viele der Sportler haben darauf gewartet, denn nun konnte man ja auch an offiziellen Wettkämpfen teilnehmen oder sogar ausrichten.

    "Kendo-Nationalmannschaft" hört sich echt overdrived an, ich würde eher sagen Team DDR - ja davon habe ich gehört. Das muss aber wirklich auf dem allerletzten Ritt passiert sein.

  • KAJIHEI

    "Kendo-Nationalmannschaft" hört sich echt overdrived an, ich würde eher sagen Team DDR - ja davon habe ich gehört. Das muss aber wirklich auf dem allerletzten Ritt passiert sein.

    Seh ich auch so. Ansonsten denk ich, dass unsere Schilderungen nicht so weit auseinander sind. Man griff, was man kriegen konnte. Ein Buch über Teakwondo, von einem Judo-Mitstreiter ausgeliehen, vom Vater im Betrieb abgelichtet. Das war 1984. Ob er damit ein Problem bekommen hätte ist allerdings Spekulation.


    Es gab einen vielfrequentierten Film im Kino: Die blinde schwertschwingende Frau. Oder "Die rasende Wut des Stolzes". Heißt heute anders, war auber auf YT. Das ging alles als Kungfu" durch. Schaust du heute, siehst du: Alles Taiji-Leute, die Darsteller. Zumindest für unsere Gruppe kann ich sagen: Was da so anfangs getrieben wurde enstammte mit Sicherheit irgendwelchen Filmen.


    Dziersk war, wenn ich mich recht erinnere, sogar mal im Fernsehen. "Kessel Buntes" oder was in der Art. So geheim scheint es also doch nicht gewesen zu sein.


    Sehr seltsam das Alles.

    Wenn du heute durch die Welt reist und schaust, wie Menschen in Land x oder y leben, wirst du auch sagen, es ist seltsam. Seltsam ist alles, was von unserer eigenen Gewohnheit abweicht.

  • Oh ja, "Die blinde Schwertschwingende Frau"! Da gab es noch mehr Samurai-Schinken die in DDR-Kinos liefen, deren Namen mir längst entfallen sind. Aber nicht zu vergessen ist auch die Serie "Shogun" welche auch im Ost-Fernsehen lief.


    Das mit den Vorführungen in Kessel Buntes oder anderen Formaten zeigt den Zwiespalt vieler Sachen in der DDR. Während Bands wie Puhdies oder Karat mit Zottelmähnen und Schlaghosen rumschlurfen durften, gab es für den Normalo in der Schule ordentlich Zunder.

    So etwas exotisches wie asiatische Kampfkunst wurde zwar gerne gezeigt, dennoch war es dem Regime nicht geheuer, wenn sich der 0815 Bürger in Kampfsport übte.


    Eines muss ich allerdings sagen, unterm Strich war durchaus vieles möglich, wenn man nicht übertrieb oder zu sehr die Öffentlichkeit tangierte. Ich war als Schüler z.B. in einer AG Luftgewehr und das ziemlich erfolgreich - so dass meine Eltern ein Trainingsgewehr kauften (was ich heute noch besitze) um auch privat üben zu können. Im Garten meiner Eltern trainierte ich so regelmäßig und ganz selbstverständlich, das hat niemanden interessiert. Würde ich heute mit dem Luftgewehr in den Garten marschieren, würden die ganzen Mamis und Papis in der Nachbarschaft die Arme hochreißen, schreiend im Kreise laufen und nach Polizei, BKA und SEK rufen...

  • Von Dziersk weis ich ja das es sowas wie Karate geben haben muß. Genug drüber schwadroniert hat er ja....

  • Judo, Boxen und Ringen - weil olympisch.


    Karate war erst dem MfS vorbehalten und war nicht " erwünscht " - es gab also keine Hallenzeiten. Wer Glück hatte, kam in Kontakt mit Vietnamesen und hatte so einen Einblick ( wenn sie es beherrschten ) ins Vovinam/Viet Vo Dao.

    Es gibt einen Artikel über Karate in der DDR, da schilderte jemand seinen ersten Kontakt damit. Er erlernte es von algerischen Gastarbeitern.


    Eventuell konnten NVA-Angehörige die mit den Russen zu tun hatten, mal ins Sambo reinschnuppern. Sehr viel mehr gab es aber nicht.


    Hier:


    ab 9.40 ein Fernsehbericht aus dem Jahre 89 ... der Rest handelt vom MNK.

  • Gegen Ende der DDR kam noch für Teile der NVA das Gjog Sul aus Korea.

    Ein eindeutiges Jein :) !


    Dieser Lehrgang war erst im Spätsommer/Herbst 88 ... hatte also nicht mehr wirklich EInfluß auf das MNK-System. Das sollte damals übrigens ein Gürtelsystem bekommen. Aber da schlug schon die Geschichte zu. Übrigens im MNK gab es drei Katas die man übernommen hatte - aber alle wurden falsch ausgeführt, man hatte die Unterlagen des großen Bruders wohl nur unvollständig bekommen bzw. einen Interpretationsfehler gemacht.

  • Von Dziersk weis ich ja das es sowas wie Karate geben haben muß. Genug drüber schwadroniert hat er ja....

    Naja, so aus dem Mustopp kam die DDR ja nun auch nicht. Karate wurde irgendwie von Interessierten schon in den 70gern praktiziert. Bei den Weltfestspielen der Jugend 1973 welche in Ostberlin stattfanden, wurde von den Japanern Karate und Kendo präsentiert.


    Was Herrn Dsiersk oder anderen angeht, dazu fehlt mir einfach das Insiderwissen. Gerade was auch seine Sammlertätigkeit anbetraf und Storys dazu, welche er mir erzählte. Da waren schon Geschichten dabei, die für einen "Normalsterblichen" kaum möglich waren. So macht man sich halt seine Gedanken, warum es für den einen "möglicher" war, als für andere.


    Ich sage mal so: nichts war umsonst im Osten, eine Hand wusch die andere...

  • Ach so, ich vergaß: ich habe meine Frau gefragt und tatsächlich hat sie und meine Schwägerin schon vor der Wende bei Herrn Dzschiersk Karate trainiert. Das muss so 1987/88 gewesen sein. Sie hatten in Turnhallen trainiert, aber nach ihren Aussagen hieß es noch nicht Karate, sondern offiziell "Gymnastik in weißen Anzügen" oder "Kraftsport II". Trainiert wurde in Judo-Anzügen.

  • Von Dziersk weis ich ja das es sowas wie Karate geben haben muß. Genug drüber schwadroniert hat er ja....

    Das würde bedeuten, er hat (viel?) Unsinn erzählt, der mit der Realität nichts zu tun hatte. Woher weißt du das?


    Karate war erst dem MfS vorbehalten und war nicht " erwünscht " - es gab also keine Hallenzeiten.

    Willi, ich weiss, du hast einiges gelesen darüber... .. aber Karate war in den 80ern das Rückgrat des MNK, also durchaus nicht dem MfS vorbehalten. Hallenzeiten waren knapp, das stimmt, und Karate war kein guter Grund. Da fand sich dann aber ein Eckchen in der Judo-Halle, oder die Gruppe hieß eben "allgmeine Sportgruppe".


    Was MNK und Gjogsul betrifft, empfehle ich als Quelle: http://www.saco-defense.de/ oder http://karate-nordhausen.de/ . Für Infos aus erster Hand. Empfehlenswert und sehr informativ außerdem die Beiträge von "Black Husar" (oder so ähnlich) "drüben". :D

  • Ich weis nicht ob er Unsinn erzählt. Woher ich weis das er es erzählt ? Vermutlich weil ich des öfteren mit ihm rede...;)

  • Woher ich weis das er es erzählt ? Vermutlich weil ich des öfteren mit ihm rede..

    Und dabei "schwadroniert" er? Oder früher hat er, jetzt nicht mehr? Wann hast du das letzte mal gesprochen mit ihm?

  • Vorgestern...und nein, heute reden wir über ganz andere Sachen. Dieser Karatekram wurde je mehr als beiläufig mit erwähnt.

  • Das würde bedeuten, er hat (viel?) Unsinn erzählt, der mit der Realität nichts zu tun hatte. Woher weißt du das?


    Willi, ich weiss, du hast einiges gelesen darüber... .. aber Karate war in den 80ern das Rückgrat des MNK, also durchaus nicht dem MfS vorbehalten. Hallenzeiten waren knapp, das stimmt, und Karate war kein guter Grund. Da fand sich dann aber ein Eckchen in der Judo-Halle, oder die Gruppe hieß eben "allgmeine Sportgruppe".


    Was MNK und Gjogsul betrifft, empfehle ich als Quelle: http://www.saco-defense.de/ oder http://karate-nordhausen.de/ . Für Infos aus erster Hand. Empfehlenswert und sehr informativ außerdem die Beiträge von "Black Husar" (oder so ähnlich) "drüben". :D

    Das MNK wurde in den 60er Jahren entwickelt. Da waren die Grundlagen noch beim Boxen und beim Ringen, Judo war im " Zulauf ". In den späten 70ern und frühen 80ern kamen dann immer mehr Karate-Techniken hinzu. U.a. die drei falsch ausgeführten Katas. Da war Karate tatsächlich noch dem MfS ( u.a. AGM/S Einheiten ) vorbehalten. Man wollte nicht, daß Karate am Ende noch Breitensport wurde.


    Der Gjogsul-Lehrgang mit den Nordkoreanern fand im August `88 statt ... Man entschied sich dafür einiges ins MNK zu integrieren, dazu kam es aber nicht mehr. Der Frank Pelny war der letzte der noch den Blaugurt im " neuen " MNK bekam. Eine höhere Graduierung hat keiner mehr bekommen.

    Im Westen galt Karate ja auch lange als gefährlich und das war drüben ja auch nicht anders.

  • U.a. die drei falsch ausgeführten Katas

    Die da wären?


    Gut, ich kann nur auf die Quellen verweisen. Frank ist nicht nur "dabei" gewesen, sondern auch akkurater als jeder Buchhalter. Wird jeder bestätigen, der ihn kennt.


    Ich hab noch was gefunden, was vielleicht von Interesse ist. Leider verwendet die Journalistin recht oft den Begriff "illegal", obwohl sie dann im Text selbst feststellt, das es eigentlich kein Verbot gab. Trotzdem liefert der Artikel zumindest einen Eindruck, wie vielfältig die ganze Geschichte war.


    http://www.deutschlandradiokul…ml?dram:article_id=299515