Formen - mal wieder

  • Angeregt durch ein Thema in einem anderen - vielen von uns bekanntes Forum - in Bezug auf die Sinnhaftigkeit von Formen habe ich nachfolgenden Text verfasst, der meine ganz persönliche Meinung wiedergibt und den ich hier zur Diskussion stellen möchte (wenn Bedarf besteht).


    Es geht mal wieder um Sinn und Unsinn von Formen - hier im Taekwon-Do:


    Das wird jetzt etwas länger ;)


    Nun dann, hier meine persönliche Meinung und Auffassung zu den Formen. Ich spreche hier in erster Linie vom Taekwon-Do – Chan-Hun Stil nach Choi, Hong-Hi, das ich seit 1970 betreibe.

    Zum Ersten sind die Formen zentraler Bestandteil des Curriculums des Taekwon-Do – neben der Grundschule, dem Hosinsul, dem Kampf und dem Bruchtest (der ja auch von vielen in Frage gestellt wird). Somit erübrigt sich für mich die Frage, ob sie zu lernen sind oder nicht, da sie einfach dazu gehören.


    Kommen wir zu „Sinn oder Unsinn“ der Formen:

    Mit den Formen lernt der Taekwondoin sich im dreidimensionalen Raum zu bewegen. Hand- Fuß Kombination in Verbindung mit Raumkoordination. Eine ideale Schule zur Bildung neuer neuronaler Verbindung , da hier das Gehirn mit jeder Menge neuer Reize geflutet wird. Ähnlich wie beim Erlernen eines Instrumentes oder Tanzen (dies ist wissenschaftlich mehrfach nachgewiesen worden).


    Die Formen werden mit jeder Stufe komplizierter und komplexer, so dass beständig neue Hürden genommen werden müssen. Mit dieser Steigerung erschließen sich dem Taekwondoin immer komplexere Bewegungsstrukturen, alles wird runder und fließender. Das Körpergefühl steigert sich, der Gleichgewichtssinn wird gestärkt, genau wie die Muskulatur.

    Der Übende synchronisiert Hand-Fuß- Körper, lernt sich in die Techniken „fallen“ zu lassen.


    Wenn ich mit Anfängern Pratzentraining mache - das bei mir von Anfang an dazu gehört - haben sie null „Wumms“, fallen bald um oder „prallen“ ab, haben kaum Körpergefühl – von der Technik mal ganz zu schweigen. Beobachtet einfach mal „Newbies“, die zum ersten Mal auf einen Sandsack einschlagen. Da muss man schon ganz schön intervenieren, damit sie sich nicht verletzen ;)

    Je länger sie aber üben, umso besser wird es!


    Versteckte geheime Techniken:

    Nun sagen wir mal so: Einem Anfänger wird sich die Bedeutung vieler Techniken verschließen und auch jemandem, der sich nur rudimentär mit den Formen beschäftigt.

    Lernt und übt man aber weiter und weiter und weiter, erkennt man auf einmal, wozu welcher Ablauf genutzt werden kann. Ich halte es von Anfang an so, dass ich meinen Leuten Abläufe und Techniken körperlich darstelle – d.h. demonstriere.


    Beispiel 3.Form Do-San:

    Da gibt es ziemlich in der Mitte einen Keil Block (Heycho Magki) mit anschließendem Tritt (Ap-Chagi) und Doppel Faustkombination (Gunnun So Ap Jumok Kaunde Parro Ap Chirugi, Pandae Ap Chirugi).

    Eine ideale Kombination zur SV, die dort – natürlich nicht so steif – dazu dienen kann, ein fassen eines Angreifers zu vermeiden und ihn nieder zu strecken.

    Und so etwas zieht sich durch alle Formen.


    Je länger man die Formen übt und sich mit den Techniken beschäftigt, umso mehr erschließt sich.

    Das hat aber nichts mit versteckten oder sogar geheimen „verschlüsselten“ Techniken zu tun. Es ist einfach ein beschäftigen mit dem, was man tut.


    Sind die Formen für das Kämpfen sinnvoll oder notwendig:

    Sagen wir mal so – Man macht aus einem Kämpfer nicht unbedingt einen guten Formenläufer und aus einem guten Formenläufer nicht unbedingt einen guten Kämpfer. Beim zweiten stehen die Chancen aber recht gut, da er „versteht“ was er macht (immer vorausgesetzt, er/sie beschäftigt sich mit dem was er/sie tut).


    Die Voraussetzung sind einfach optimaler.

    Durch die Gewöhnung an die komplexen Abläufe in den Formen ist dem Taekwondoin viel leichter beizubringen, die komplexen Bewegungen in einem Kampf zu lernen und zu begreifen.


    Und nun zu einem für mich ganz wichtigen Punkt:

    Was tue ich, wenn meine „Kämpferzeit“ vorbei ist?

    Alles an den Nagel hängen und irgendwo in ein Fitness Studio gehen um einigermaßen fit zu bleiben?

    Oder übe ich weiterhin die komplexen Bewegungsabläufe um mich fit zu halten, mich mit dem zu beschäftigen was mir schon viele Jahre Spaß und Freude bereitet hat.


    Ich bin jetzt seit 1970 dabei – also jetzt 49 Jahre – und meine Hochleistungszeit ist schon lange vorbei. Sicherlich kann ich im Sparring – auch das ist integraler Bestandteil meines Trainings – immer noch gut mithalten (auch wenn ich bei meinen Spitzenkämpfern höllisch aufpassen muss – sie allerdings bei mir auch).


    Aber das eigentliche Kämpfen auf sportlicher Basis ist nicht mehr mein Schwerpunkt. Es gibt dennoch so viel, was ich aus meiner Beschäftigung mit dem Taekwon-Do ziehen kann. Immer wieder finde ich oder erschließen sich mir – sozusagen im Vorbeigehen – Sachen aus den Formen, die ich auch in der SV nutzen kann, wo sich beim Üben mit meinen Leuten bei Ihnen „Aha“ Effekte ergeben.


    Beispiel „Kolchyo Magki“ hakenförmige Abfangbewegung - 5.Form Yul-Gok.

    Super in der SV, da ich damit ganz locker und ohne großen muskulären Aufwand mein Gegenüber greifen und an mich heranziehen kann (selbstverständlich nicht so stilisiert, wie in der Form selber).


    Oder Gutja Magki – Abfangbewegung in Form einer Neun – 12. Form Ge-Baek

    Gestern noch gezeigt, dass ich damit einen Angreifer mit dem Rücken zu mir „stelle“ um ihn dann über Druck auf den Kehlkopf nach hinten zu Fall zu bringen.

    Ob dies im Sinn von Choi war, mag dahingestellt sein. Ich will damit nur sagen, dass es so ist wie es ist.


    Fazit

    Für mich sind Formen zentraler Bestandteil meines Trainings! Das es durchaus auch andere Wege gibt, steht außer Frage.


    Aber ich habe vor vielen Jahren den Taekwon-Do Weg eingeschlagen und hoffe ihn noch viele Jahre gehen zu können. Sicherlich nutzen mir dabei auch meine Erfahrungen aus 12 Jahren intensiven Judo Trainings und mein stetiger Blick über den berühmten Tellerrand und der Kontakt zu vielen guten Leuten aus anderen Kampfarten.


    Jeder hat seine spezielle Art, Dinge anzugehen und es gibt kein Gut oder Schlecht. Es gibt nur Dinge, die funktionieren oder die nicht funktionieren.

    Was das größte Manko ist: In unserer schnelllebigen Zeit möchte jeder ohne großen Aufwand in möglichst kurzer Zeit Erfolge sehen.


    Aber so funktioniert das nicht!


    Möchte ich etwas richtig verstehen und studieren, reicht ein Leben kaum aus. Und das gilt nicht nur für die Kampfarten sondern für alles und jedes!


    Leider sind die wenigsten dazu bereit und so wird viel an Wissen verloren gehen.

    Und irgendwann einmal wird man dann von „geheimen und versteckten“ Techniken reden, da niemand mehr da ist, der weiß, wie es richtig geht.

  • Hi Drax,

    da bin ich voll bei Dir!

    Ich bin ja in einem HKD-Stil, der ebenfalls Formen übt. Vom Raum- und Bewegungsgefühl einmal abgesehen sind Formen ja nichts anderes als eine Abfolge von Techniken. Leider beobachte ich auf Seminaren, dass Formen einfach "nachgetanzt" werden, zum einen weil der Schüler nicht versteht was er da macht, zum anderen und viel schlimmer, der Lehrer oft nicht erklären kann wozu es nützt.


    Ich behaupte mal, wenn eine Form richtig erklärt wird, hat auch ein Schüler mehr Spaß daran.

    K/

    Ihr seid doch wieder ohne Aufsicht....ich merk das doch!