kalte Liebe Japan

  • Vorwort


    "Waaas? Du warst noch nie in Japan?" Ungläubiges Staunen vom Gegenüber -- zig mal erlebt. Sofort gehörte man gesellschaftlich zu den bemitleidenswerten "noch nie in Japan gewesenen". Gerade für Japan-Fans ein überwältigendes Stigmata. Insbesondere dann, wenn man sich seit Jahrzehnten mit "japanischer Materie" beschäftigt und mehr zum Thema klugscheißen kann als der Gegenüber, der wiederum dafür schon ein Selfie mit Fuji sein eigen nennen kann, -zig mal sinn-frei über die irre volle Shibuya Crossing gelatscht ist und in einem abgespaceten Restaurant Sushi gefuttert hat.


    Damit hatte ich mich längst abgefunden. Es stand auch niemals auf meiner "to do Liste" bevor ich die Hufe schmeißen sollte.


    Klar wollte ich immer mal hin. Schon als Kind. Als junger Erwachsener sowieso. Aber irgendwann schaut man sich höchstens ganz gerne noch irgendwelche Dokus an. Das war´s.


    Doch es kam anders. Der Schlüssel dazu wurde meine Tochter. Das folgende wird kein "wirklicher" Reisebericht, sondern eher Eindrücke und Gedanken in Schriftform ganz aus meiner Sicht. Für den Einen, der schon dort war gibt es vielleicht das eine oder andere Wiedererkennen. Für Denjenigen, der noch hin will, vielleicht eine Inspiration.


    Tochter


    Mit angezogenen Beinen, welche sie mit den Armen umklammerte, saß unsere Tochter auf dem Sofa und lauschte verdattert unserer Offenbarung, dass eine gewisse Ersparnis dazu dienen sollte, dass Sie gefälligst nach Schule und Abi mal "in die Welt" raus sollte. Von Japan war da noch nicht die Rede, dennoch gebe ich zu, dass ich das Land irgendwann ins Spiel brachte.


    Und es wurde Japan. Warum, wieso und das ganze Drumherum wäre ein eigenen Beitrag wert. Erwähnen will ich in jedem Fall, dass vererbungstechnisch zwischen mir und meiner Tochter was wesentliches schief gelaufen ist. Meine Passion für Japan geht ihr am A... vorbei. Dutzende Male hatte ich sie im Zwergenalter beim Kendotraining dabei, damit sie nicht allein zu Hause sein musste. Während des Trainings tobte sie auf einem Mattenstapel rum. Nicht dass daraus sich jemals ein Funke Interesse für Kendo oder wenigsten irgendeine KK entzündet hätte. Auch ist sie in meine Sammelleidenschaft hineingeboren worden. Rüstungen, Schwerter, Rollbilder, Holzschnitte, Keramiken kannte sie von klein auf. Sie weiß über Schwerter sicher mehr, als mancher Kenjutsu-Treibende. Aber das war es dann auch. "Joa, ganz nett" war ihre Standartantwort, wenn ich ihr was neues unter die Nase gehalten habe.


    Sie ist kein Otaku, kein Kawaiii-Manga-Mäuschen und wenn vor Japan irgendein Film mit Asiaten im Fernseher gelaufen wäre, hätte sie nicht unterscheiden wollen und können, ob es sich um Japan, China, Korea oder was weis ich gehandelt hätte. Es wäre ihr im Wesentlich vollkommen egal gewesen.

    Mit dieser Basis und ohne jegliche Sprach- und Schriftkenntnisse ging es vor gut einen Jahr für sie ab nach Japan. Nur mit einem Hinflug-Ticket und etwa so viel Knete, dass sie 3 Monate "überleben" würde und meinem Versprechen, dass ich sie abholen würde, wenn sie mindestens ein dreiviertel Jahr "durchhalten" würde.


    Das Versprechen


    Ehrlich gesagt habe ich anfänglich nicht geglaubt, das Versprechen einlösen zu müssen (oder dürfen). Nicht dass ich besonders arglistig bin, es war wirklich die Ungewissheit, ob es ihr gelingen würde nach einem Sprachkurs einen Job zu finden. Nur mit einem Job hätte sie ihr Auskommen gehabt und wäre die anvisierte Zeit überhaupt möglich gewesen. Drastisch gesagt: sie hätte sich in jedem Fall das Rückflugticket verdienen müssen.

    "Verdienen" bedeutet in Japan in aller Regel eine 6 Tage Arbeitswoche. In einer vollkommen fremden Kultur, Sprache, Schrift, Essen usw. ein heftiger Mix. Ich gebe zu, ich habe mir das eine oder andere Mal vorgeworfen, ihr zu viel zugemutet zu haben.

    Sie fand einen Job auf Kyushu in einer Farm, und ihre ersten Worte nach 2 Monaten Schule in Tokio per Whats App aus dem südlichsten Zipfel von Osumi an der Bucht von Kagoshima waren schlicht: "es ist einfach nur wunderschön hier und die Leute sind total nett!"

    Also fing ich an You Tube zu inhalieren und die Vlogs von Japan-Verrückten zu studieren. Es würde tatsächlich das passieren, woran ich niemals ernsthaft mehr geglaubt habe: eine erkaltete Liebe besuchen: Japan.


    Fortsetzung folgt...

  • Das Klo


    Ich habe die Wette gewonnen! Ich habe es geschafft, die 9 1/2 seit der Zwischenlandung bis nach Tokio im Flieger nicht auf´s Klo zu gehen. Ich hasse Flugzeug-Toiletten. Auch wenn der Geist stark ist, meine Blase teilte diese Einstellung nicht unbedingt. Dennoch bin ich ganz munter (so man das nach 16 Stunden auf Achse sagen kann) mit meinem Trolley aus dem Flugzeug raus um gleich nach der ersten Ecke wieder auf ein Pulk Menschen zu stoßen. "Schwache Menschen" nach meinen dafürhalten, welche hier gleich das erste Klo auf japanischen Boden frequentieren mussten. Verächtlich wollte ich weiter meiner Wege ziehen, doch aus den Augenwinkeln nahm ich eine Botschaft war, welche mich nachdenklich stimmte: "Dies ist die einziger und letzte Toilette vor der Einreise".


    Einreise: Menschenmassen, Passkontrollen, wieder Menschenmassen, Zollkontrolle. Manchmal siegt auch das bisschen Verstand was ich besitze. Was soll´s. Also auf´s Klo. Im Kopf noch die Toilette in Moskau, wo ich mir die Fähigkeit zu schweben gewünscht hätte, um nichts berühren zu müssen. Ich bin echt kein ekliger Mensch, aber es war schon echt spannend in Moskau, was die "Örtchen" betraf.

    Und so starrte ich recht fassungslos auf ein vollkommen sauberes Klo. Boden, Wände, Tür, und Schüssel selbst, alles blitzeblank.

    Über die japanischen Klos hatte ich schon einiges erfahren, insbesondere, dass man nicht ganz so unbedarft an die Sache herangehen sollte, wenn man keinen Schimmer hat, wie man das, was man "verursacht" hat, am besten verschwinden lässt. Auch dieses Klo hatte die berüchtigte Tastaturleiste an der Seite. Zum Glück musste ich nur für kleine Reisende und ich musste auch nichts drücken. Kaum wurde es für die Schüssel wieder helle, ging die Spülung von allein.


    Zu japanischen Toiletten gibt es noch folgendes zu sagen. Wer unbedingt die Knöpfe der Klotastatur probieren möchte, sollte sich darauf einrichten an diversen Stellen untenherum nass zu werden. Wer dann die Fön-Funktion nicht findet, muss sich mit extrem dünnen einlagigen Klopapier behelfen.

    Ein großes Problem bei großen Geschäften für uns Europäer ist der Umstand, dass es auf öffentlichen Klos, aber auch in Hotels auf den Zimmern, keine Klobürsten gibt. Man steht also vor dem Problem, wie man seine Rallystreifen weg bekommt. Meine Tochter z.B. hatte sich für ihre Zeit in Japan eine Klo-Zahnbürste zugelegt, welche sie immer am Mann bzw. Frau hatte. Bitte im Bad des Hotelzimmers darauf achten, dies separat zu positionieren, um das Malheur weiterer Verwechselungen zu vermeiden. Ganz zum Schluss meines Japanaufenthalts hatte ich dann eine "Technik" drauf, bei der so gut wie keine "Verzierungen" zu Stande kamen. Ansonsten hilft nur hundertmal spülen oder eben mit Klopapier und den Fingerchen nachhelfen. Ist so.


    Ach und noch was. Öffentlich Klos sind zwar sauber, aber recht rar gesät. Wenn man in die Verlegenheit kommt, müssen zu müssen, sollte man nicht erst wenn´s echt brennt ein Klo finden müssen. Entdeckt man unterwegs eine Gelegenheit, sollte man diese durchaus nutzen. Auch auf den größeren Bahnhöfen läuft man sich manchmal echt ein Wolf, um ein WC zu finden.


    Zurück zum Flughafen. Es gab tatsächlich kein weiteres WC mehr. Selbst im Terminal nach den Kontrollen. Da gab es sicher irgendwo, aber ich hätte sie nicht suchen mögen, wenn mir bereits der kalte Schweiß auf der Stirn steht.


    Das mit den Klo-Schuhen lasse ich einfach mal weg...


    Fortsetzung folgt...

  • Ab auf´s Plätzchen!


    Kaum war das Papa-Tochter-Gespann wieder vereint, begannen 2 Systeme miteinander zu ringen. Meine Japan-Blog Bildung gegen die Google Maps Unterstützung meiner Tochter. Ich wollte mit dem Narita Express zur Tokio Station, Smartphone-Opfer Tochter bestand auf den Skyliner nach Ueno. Ich hatte den NEX als die schnellere Verbindung im Gedächtnis, zumal es von der Tokio-Station je nach Metro-Linie nur noch 1 bzw. 2 Stationen bis zum Hotel waren. Von Ueno dagegen braucht man noch wenigsten Stationen.

    "Vertraue mir, Pa!"

    Ich sollte jedoch in Folge lernen, dass eine internet-unterstütze Orientierung hier vor Ort "überlebenswichtig" ist. Aber das ist ein eigenes Thema wert und kommt noch.

    Mit den Fahrkarten-Schnipseln geht es ähnlich wie in London durch Schranken zu den Zügen. Ähnlich wie in London den Stanstead Express wollte ich auch gleich das erstbeste Abteil das total leeren Zugs entern. "Nee" meinte Tochter, "wir müssen noch ein Stückchen den Bahnsteig runter, unser Abteil muss ganz vorne sein". Unser Abteil? "Jupp, Abteil 9 Sitze 28 C und D." Aber ist doch leer! "Warte ab."


    Beim nächsten Halt stürmten Pendler den Zug...


    Außerhalb des "normalen" ÖPNV sind überregionale Bus- und Zugverbindungen in der Regel mit Sitzplatz Reservierungen verbunden. Es gibt durchaus auch reservierungsfreie Abteile, auch beim Shinkansen, aber das ist nicht bei jeder Verbindung der Fall. Wer spontan etwas weiter nach XY möchte, weil der Tag gutes Wetter verspricht und frisch-fröhlich zum Fernbus-Terminal nach Shibuya kommt, kann Pech haben, weil die nächsten 3 Busse schlicht ausgebucht sind.

    Zu bestimmte Zeiten und Strecken kommt ohne vorausschauende Planung und Buchung eher suboptimal voran.


    Fortsetzung folgt...

  • Die wirklich ersten Eindrücke


    Jetzt quatscht der hier von Klos und reservierten Zügen. Aber wie ist er denn nun, der erste Eindruck, wenn man Japan das erste Mal leibhaftig sieht? Worüber man im Laufe des Lebens so viel gelesen und "ferngesehen" hat.


    Moment, da muss ich wieder zurück ins Flugzeug, denn bei wolkenfreien Himmel (absolut irre, den hatte ich von Berlin bis Tokio - Dank Klimawandel ;b) sieht man Japan zuerst von oben ;-).


    In meinem Fall steuerte der Flieger Japan auf Höhe Niigata an, und so sieht man von Japan zuerst die recht auffällig geformt Insel Sado. Als Nihonto-Freak assoziiere ich gleich die Goldminen der Tokugawa, die Knastinsel der Tokugawa und Tsuba-Macher von Sado welche u.a. stark vom Kinai-Stil geprägt sind.

    Gleichzeitig kommt auch schon die Küste von Honshu in Sicht und mit ihr die massiv noch mit Schnee bedeckte Gebirgszüge von Aizu-Wakamatsu bis Yamagata. Ganz weit hinten kann man den Berg Gassan erahnen. Hier bekommt man gleich den Eindruck davon, wie gebirgig Japan tatsächlich ist. Ein meinem Fall auch, wie schneereich die dem japanischen Meer zugewandte selbst Ende April noch erscheint. Die Berge erscheinen unwegsam und nur in den Täler sieht man Siedlungen.

    Weiter geht's direkt über Aizu-Wakamatsu und ab dem großen Inawashiro See wird es grüner und freundlicher - und vor allem ist Japan aus der Luft schon wieder zu Ende. Ich sehe bereits die Ostküste und den Pazifik. Ich glaube an dieser Stelle ist Japan vielleicht gerade mal 170 km breit.

    Langsam verringert sich die Höhe und der Flieger schwenkt parallel zur Pazifikküste Richtung Mito ab. Cool, Mito, wabert es in meinem Nihonto-verseuchten Hirn. Eine der drei wichtigsten (wenn auch die kleinste) Domäne der Tokugawa. Von hier stammt der letzte Shogun. Hier hat Katsumura Norikatsu und seine Aite also die prächtigen Hosho-Utsushi hergestellt. Eine freundliche, frisch-grüne Hügellandschaft bestimmt das Bild.

    Hier sieht man eine weitere typische Besonderheit Japans: große Flächen sind hier weit ins Meer gebaut. Nun geht es immer tiefer und kurz vor der Landung muss man erkennen, dass Japaner offensichtlich auch große Golf-Fans sind. Reisfelder und Golfplätze streiten sich um jedes Fleckchen Erde. Oder sind es Golfplätze mit integrierten Reisanbau? Oder vielleicht umgedreht? Ich verliere den Überblick.


    Ich muss mein Kram zusammenraffen und die Schuhe wieder anziehen (mich wundert es, dass während des Flugs keiner in Ohnmacht gefallen ist).


    Fortsetzung folgt...

  • Fahrkartenschnipsel? Warum habt ihr keine Suica Card geholt? Ist viel bequemer.

    "Fahrkartenschnipsel" bezog sich auf den Skyliner. Da funzt die Suica nicht. Mit Suica kann man die Sobu oder Keisei Linie nehmen, aber dann hast du einen Bart, wenn du in Tokio ankommst. Der Japan Rail Pass deckt den NEX ab, weil´s ein staatliches Unternehmen ist. Aber der Rail Pass hat sich für meine Vorhaben nicht gelohnt.


    Meine Suica, welche ich mir schon in Deutschland besorgt habe, durfte ich dann nach dem Skyliner in Ueno endlich zücken.

  • Konbini


    Ich habe den Metro-Bahnhof längst wieder vergessen, der mich dann leibhaftig das erste Mal auf Tokioter Boden ausgespuckt hat. In einigen 100 Meter gab es an die 4 oder 5 Metro-Stationen im Umfeld unseres Hotels. Obwohl ich mir auf meinen Orientierungssinn echt was einbilde, hatte ich bis zum Schluss echt zu tun gehabt, von den jeweiligen Stationen auf anhieb die richtige Richtung zum Hotel zu finden. Orientierung ist ein eigenes Thema.

    Vorerst bugsierte die Tochter ihren von der langen Reise und den Eindrücken leicht angeschlagenen Vater durch die Straßen.

    Ich war in meinem Leben als echter England-Fan bestimmt an die 25 mal in London. Unwillkürlich musste ich an London denken, als ich durch ein Labyrinth von quirligen "Gassen" geschleift wurde. Unzählige winzige Restaurants, die Gerüche sind überwältigend. Die ganzen kleinen Nebenstraßen besitzen keine Bürgersteige, so wusste ich erst mal nicht, wessen ich meine Aufmerksamkeit schenken sollte, den Läden, Restaurants, Auslagen, Häusern, Menschen, oder das mein A... in Sicherheit vor Mopeds und Autos ist.


    "Hast Du Hunger?" fragte Tochter. "Naja, lecker schnupperts schon. Ich dagegen wahrscheinlich eher nicht nach -zig Stunden". "Okay, dann essen wir im Hotel"! "Watt? Die haben ein eigenes Restaurant?" "Neee", lacht Tochter, "umme Ecke ist gleich ein 7 Eleven".


    Aha.


    Und so war das erste was ich in Japan aß ausgerechnet ein Fertiggericht aus der Mikrowelle auf dem Hotelzimmer. Hört sich aber schlimmer an, als es tatsächlich ist. Es gibt eine ganze Reihe sogenannter Konbinis. Es 24 Stunden Geschäfte und weit mehr als nur "Supermärkte". 7 Eleven, Lawson und FamilyMart sieht man am Häufigsten in Tokio. Konbinis sind schon fast kleine Rettungsinseln im Großstadt-Dschungel. Ich sprach schon das Thema Klos an, hier findest du kostenlose WC. Konbinis besitzen auch immer einen abgetrennten Bereich mit Tischen und Stühlen, in dem du "kostenlos" mal die Beine lang machen kannst. Hier kannst Du auch angebotenes Essen verputzen. Fertigessen hört sich etwas "billig" an, aber die Auswahl ist extrem frisch und wirklich lecker. Die Fertigessen haben mit den Angeboten unserer Discounter nichts zu tun. Bestimmte Fertigessen kann man sich an der Kasse gleich warm machen lassen. Vor Ausflügen haben wir uns früh auch gerne mit Onigiris eingedeckt, die unterwegs echt satt machen.

    Traust Du dem Akku deines Smartphone nicht und bist du dir deswegen nicht sicher, dass dein Mobil-Ticket bei der Rückreise einer Fernbus-Tour noch angezeigt wird? Kein Ding, mit dem USB-Stick in den Konbini und Ticket ausgedruckt. Ist am Anfang etwas try and error, aber das macht es erst interessant. Deine Suica kannst Du hier aufladen, oder damit sogar bezahlen. Lustig: als Teutone habe ich natürlich das Biersortiment des "7 Eleven von umme Ecke" durch probiert. Jedes Mal wenn der Scanner der Kasse ein alkoholisches Getränk erkannte, wurde ich höflich aufgefordert durch tippen auf den Screen der Kasse zu bestätigen, das ich schon 20 bin. Ich fühlte mich stets geschmeichelt.

    Geld abheben mittels Kreditkarte an den Geldautomaten im Konbini - insbesondere wenn Du die Summe in kleinen Scheinen möchtest - hier bist Du richtig.

    Ach und noch was: Konbinis besitzen für jap. Verhältnisse etwas ausgesprochen wertvolles - Mülleimer!


    Ist ein eigenes Thema.


    Kommt später...

  • Von A nach B


    Erfolgreich haben wir uns durch die Gänge und Treppen des Bahnhofs gekämpft und haben auch den richtigen Ausgang gefunden. Letzteres ist enorm wichtig! Jedenfalls sehen wir wieder Tageslicht und stellen uns erst mal so, dass wir keinem im Wege stehen. Blick die Straße links runter: äähh..., Blick die Straße rechts runter: kratz, kratz...oder eher gerade zu? Joah...Smartphone in die Hand, Google Maps rein und eene, meene Muh, erst mal da lang...40 Meter gelaufen. Der Punkt bewegt sich! Ooookay, auf dem Absatz kehrt, marsch!


    Meine dringendste Empfehlung für das erfolgreiche irgendwo ankommen in Tokio: ein Smartphone nebst Navi-App und Internet. Eine Offline-App geht sicher auch, aber Online war mir sicherer. Das Ding ist einfach dass Straßenschilder Mangelwahre sind. Bestenfalls an großen Kreuzungen und Straßen sind sie mir aufgefallen. Hausnummern sind ähnlich selten und eh durcheinander. Erstaunt war ich ebenfalls, dass es für mein dafürhalten in Tokio verhältnismäßig wenige Hinweisschilder gibt, welche auf eine Sehenswürdigkeit in der Nähe verweisen.


    Dabei habe ich noch nicht einmal geglaubt, dass ich in Japan Internet am Mann haben werde. Chips für Telefonie und Internet in Japan kann man sich schon von Deutschland aus besorgen. Aber natürlich war wieder mal mein Modell von Telefon nicht dabei, wo ein Funktionieren garantiert wurde. Ansonsten lauern in Narita diverse Stände von Anbietern darauf, dir zu Konnektivität zu verhelfen. Aber bereits beim Zwischenstopp in Moskau, als ich ungelogen in einer 300 Meter langen Schlange anstand um eine völlig sinnlose Sicherheitskontrolle zu passieren, stellte mein Handy fest: nanuuu, was machst du den hier? Brauchste du Stoff? Für die und jene Konditionen kannste so und so viel Volumen haben. Mit wenigen Fingertips konnte ich damit auch gleich schon in Moskau meiner Frau übermitteln, dass Scheremetjewo der größte Saftladen ist. Das Datenvolumen war für 30 Tage ausgelegt und hat dicke für meine Belange gereicht.


    Fortsetzung folgt

  • The Forrest


    Geschafft! Kein Yurei hat uns erwischt. Der Wanderweg endet unspektakulär an einem Sportplatz, dennoch sind wir verzückt. Die Kirschblütenwelle hat Ende April Japan längst überrollt, doch der Sportplatz ist umsäumt von Kirschbäumen, die vor Blütenpracht fast zusammenbrechen. Wahnsinn! Gleichzeitig wabern tief die Wolken in den Hängen der schroffen Misaka-Berge. Das Ganze erinnert mich etwas an Norwegen, wenn da nicht die Kirschblütenpracht wäre.

    Eigentlich kein Wunder, sind wir hier doch um die 1000 Meter über dem Meeresspiegel, es ist hier deutlich kühler als in Tokio und die Natur ist hier weit zurück. "Na Super, wenigstens Kirschblüten, wenn uns schon der Fuji schmählich verraten hat."

    Fast jeden Tag hatte ich den Wetterbericht verfolgt, denn wenn man schon zum Fuße des Fuji fährt, wäre es eine coole Sache, den Fuji zu sehen. Ich musste ja auch den Highway-Bus nach Kawaguchiko buchen und einige Abfahrtszeiten waren schon ausgebucht. Aber der Wetterbericht wechselte fast stündlich von richtig Klasse bis absolut unterirdisch mit sintflutartigen Regenfällen.

    Da ich in meinen früheren Leben ein schlechter Mensch war, präsentierte sich das Wetter am Tage unseres Ausflugs grau und regnerisch. Da wo der Fuji hätte sein müssen, war ... nichts. Fuji mit ohne Fuji.

    Also haben wir den Abstecher nach Fujiyoshida zu DEM ULTIMATIVEN Foto-Spot des Fuji gleich sein gelassen und mir damit an die 1000 Treppenstufen und Knie-Aua erspart. Dann lieber gleich bei gruseligen Wetter nach Aokigahara und damit zur Wind-Höhle. Um den ersten Bus der grünen Linie in Kawaguchiko in Richtung Windhöhle zu erwischen, ging es schon um 6:40 von Shibuya mit dem Highway-Bus los. Der Bus war rappel-voll, hauptsächlich junge Japaner, darunter viele Mädels. Mir war es ein Rätsel, wie die in ihren hellen Stofftretern durch die Natur stiefeln wollen. Wir waren so gut wie die Einzigen, welche mit Outdoor-Nahkampfklamotten gerüstet waren. Des Rätsels Lösung ist ein Halt vor der Endhaltestelle - der Fuji-Q Freizeitpark. Hier verschwand der Großteil der schnatternden Busladung. Deswegen ist es ratsam, zu mindestens hin zu den Bus im Vorfeld zu buchen. Manche Abfahrtszeiten waren eine Woche im voraus bereits ausgebucht.


    Es ist erstaunlich, wie schnell man zu mindestens Richtung Fuji die Metropole Tokio hinter sich lässt. Wir fahren am Mount Takao vorbei, den wir später noch besuchen werden. Die Landschaft erinnert hier etwas an das Bode-Tal im Harz. Anfangs ist alles noch frisch grün, doch um so höher wir Richtung Fuji kommen nimmt sich die Natur immer mehr zurück.

    Von Kawaguchiko braucht es noch mal etwa 40 Minuten mit dem grünen Bus bis zum "Meer der Bäume". Von der Nordseite des Fuji fällt das Gelände sanft ab. Hier reihen sich die "fünf Seen" auf, wie der Motosu, Saiko und Kawaguchi-See. Begrenzt wird das Ganze von den Misaka-Bergen mit ihren steilen Hängen. Früher war das der letzte Zipfel der Provinz Kai, dem Herrschaftsgebiet der "Bergaffen von Kai", dem Takeda-Clan. Heute ist es Teil des Hakone-Izu-Fuji-Nationalparks und gehört zur Präfektur Yamanashi.


    Die Windhöhle erreichen wir mutterseelenallein. Der Vorteil des schlechten Wetters: es sind kaum Touristen unterwegs. An der Kasse kann man gleich ein Kombiticket für die knapp 2 km entfernte Eishöhle kaufen. Machen wir glatt.

    Wer von den großen deutschen Tropfsteinhöhlen verwöhnt ist, wird hier eher enttäuscht sein. Aber es sind halt keine Höhlen, welche durch tausende Jahre Erosion entstanden sind, sondern eher Hohlräume, welche beim großen Ausbruch des Fuji vor etwa 1200 Jahren entstanden sind. Bemerkenswert ist die enorme Sprungschicht der Temperatur, wenn man zur Höhle hinab steigt. Es wird schlagartig eiskalt. Deshalb wurden die Höhlen in der Edo-Zeit wie große Eiswürfelmaschinen für die Fischmärkte genutzt. Das eindringende, gefrierende Regenwasser wurde das ganze Jahr geerntet und nach Edo (Tokio) geliefert. Außerdem wurden hier Seidenraupen-Kokons gelagert.


    Wer nicht so körperlich flexibel ist, sollte ich die Eishöhle eventuell klemmen. An der schmalsten Stelle muss man sich echt Fakir-artig durchzwängen. Zwischen Boden und Höhlendecke sind es gerade mal 80 cm. Ich glaube nicht, dass man das in Deutschland zur Begehung genehmigt hätte. Im Gegensatz zur Windhöhle achten die Angestellten darauf, dass man hier den Helm auch aufsetzt.


    Der Weg zwischen den beiden Höhlen zeigt die traurige Berühmtheit des Waldes auf, forciert durch -zig idiotische Youtuber, welche nur deswegen hier her kommen. Die berüchtigten gesperrten Wege finden sich in unmittelbarer Nähe der Höhlen. Gegenüber der Absperrung das Schild, "dass das Leben doch nicht so Sch...e ist, wie es wirkt, usw." Hier ist der Aokigahara der Suicide-Forrest.


    Ich habe lange versucht, über die Wanderwege dieser Gegend Informationen zu finden, aber das Netzt ist zugemüllt mit dem Suicide-Gelaber. Wie auch immer, erst vor Ort erkennt man, dass es eine Vielzahl von tollen Wandermöglichkeiten gibt. Wir begnügten uns von hier einmal quer zum Iyashino-Sato Nenba Dorf zu wandern. Dieses Dorf direkt am Fuße der Misaka-Berge war einst Opfer eines Erdrutsches, wurde dann im traditionellen Stil wieder errichtet und ist Heute so etwas wie eine Künstlerkolonie, wo man diverses trad. Kunstgewerbe erstehen kann.


    Und kurz vor diesem Dorf verlassen wir den Wald und freuen uns ein Kullerkeks über die Eingangs beschriebene Kirschblütenpracht. Wenn schon kein Fuji, wenigstens die Kirschblüten. Ich schau mich nach einem guten Fotomotiv um und starre plötzlich entgeistert Richtung Wald zurück: "d..d..da, d..der Fu.., der Fuji!!!! Verdammt, verdammt, schnell! Stell dich da hin" fahre ich meine Tochter an und versuche Tochter nebst Fuji bestmöglich mit der Kamera einzufangen. Aufkommender Wind hat die Wolken aufgerissen und gibt etwas von dem massiv mit Schnee bedeckten Gipfel des Fuji frei. Die Geister des Fuji no Jukai sind uns also keinesfalls so böse, wie es alle einen weis machen wollen. Ganze 1 1/2 schenkt der Vulkan uns noch seine Gunst, dann verhüllt er sich wieder im Grau des Himmels.


    Über den Wald wird viel Blödsinn im Netz gelabert. Er sei gruselig still, man könne sich leicht verlaufen und natürlich spuke es.

    Der Wald ist einfach nur wunderschön. Der Boden des Waldes ist ein einziges gigantisches Geröllfeld, entstanden beim Ausbruch des Vulkans 864 a.D.. Es wachsen hier überwiegend Koniferen und Zypressen, die immergrün sind und durch fehlendes Laub keine Humusschicht bilden. Das Geröll ist daher von Moosen und Flechten bewachsen und die Wurzel der Zypressen krallen sich an der Oberfläche wie riesige Tentakeln von Kraken an den Steinen fest. Teilweise ist der Boden dermaßen zerklüftet, dass es schwachsinnig wäre, dort reinlaufen zu wollen, ohne sich Greten zu brechen. Zypressen sind etwas leiser im Wind, aber es rauscht nicht wesentlich anders wie in jedem anderen Wald. Über zu wenig Vogelgezwitscher, selbst bei dem eher bescheidenen Wetter, brauchten wir uns auch nicht beklagen. Die Wanderwege sind bestens ausgeschildert - in Kanji und lateinischer Schrift. Süß fand ich, dass man die Wahl zwischen dem "normalen" Trail und einem "hard Trail" hatte. Dieses "hard" hatte in etwa die gleiche Wertigkeit, wie das "sehr scharf" auf der Packung einer Supermarkt Pizza. Dennoch ist man mit leichten Wanderschuhen gut beraten.


    Zu guter Letzt: die Region ist berühmt für ihre Udon-Nudeln. Deshalb meine dringende Empfehlung, vor Ort eine Portion der dicken Regenwürmer zu verdrücken.