kalte Liebe Japan

  • Vorwort


    "Waaas? Du warst noch nie in Japan?" Ungläubiges Staunen vom Gegenüber -- zig mal erlebt. Sofort gehörte man gesellschaftlich zu den bemitleidenswerten "noch nie in Japan gewesenen". Gerade für Japan-Fans ein überwältigendes Stigmata. Insbesondere dann, wenn man sich seit Jahrzehnten mit "japanischer Materie" beschäftigt und mehr zum Thema klugscheißen kann als der Gegenüber, der wiederum dafür schon ein Selfie mit Fuji sein eigen nennen kann, -zig mal sinn-frei über die irre volle Shibuya Crossing gelatscht ist und in einem abgespaceten Restaurant Sushi gefuttert hat.


    Damit hatte ich mich längst abgefunden. Es stand auch niemals auf meiner "to do Liste" bevor ich die Hufe schmeißen sollte.


    Klar wollte ich immer mal hin. Schon als Kind. Als junger Erwachsener sowieso. Aber irgendwann schaut man sich höchstens ganz gerne noch irgendwelche Dokus an. Das war´s.


    Doch es kam anders. Der Schlüssel dazu wurde meine Tochter. Das folgende wird kein "wirklicher" Reisebericht, sondern eher Eindrücke und Gedanken in Schriftform ganz aus meiner Sicht. Für den Einen, der schon dort war gibt es vielleicht das eine oder andere Wiedererkennen. Für Denjenigen, der noch hin will, vielleicht eine Inspiration.


    Tochter


    Mit angezogenen Beinen, welche sie mit den Armen umklammerte, saß unsere Tochter auf dem Sofa und lauschte verdattert unserer Offenbarung, dass eine gewisse Ersparnis dazu dienen sollte, dass Sie gefälligst nach Schule und Abi mal "in die Welt" raus sollte. Von Japan war da noch nicht die Rede, dennoch gebe ich zu, dass ich das Land irgendwann ins Spiel brachte.


    Und es wurde Japan. Warum, wieso und das ganze Drumherum wäre ein eigenen Beitrag wert. Erwähnen will ich in jedem Fall, dass vererbungstechnisch zwischen mir und meiner Tochter was wesentliches schief gelaufen ist. Meine Passion für Japan geht ihr am A... vorbei. Dutzende Male hatte ich sie im Zwergenalter beim Kendotraining dabei, damit sie nicht allein zu Hause sein musste. Während des Trainings tobte sie auf einem Mattenstapel rum. Nicht dass daraus sich jemals ein Funke Interesse für Kendo oder wenigsten irgendeine KK entzündet hätte. Auch ist sie in meine Sammelleidenschaft hineingeboren worden. Rüstungen, Schwerter, Rollbilder, Holzschnitte, Keramiken kannte sie von klein auf. Sie weiß über Schwerter sicher mehr, als mancher Kenjutsu-Treibende. Aber das war es dann auch. "Joa, ganz nett" war ihre Standartantwort, wenn ich ihr was neues unter die Nase gehalten habe.


    Sie ist kein Otaku, kein Kawaiii-Manga-Mäuschen und wenn vor Japan irgendein Film mit Asiaten im Fernseher gelaufen wäre, hätte sie nicht unterscheiden wollen und können, ob es sich um Japan, China, Korea oder was weis ich gehandelt hätte. Es wäre ihr im Wesentlich vollkommen egal gewesen.

    Mit dieser Basis und ohne jegliche Sprach- und Schriftkenntnisse ging es vor gut einen Jahr für sie ab nach Japan. Nur mit einem Hinflug-Ticket und etwa so viel Knete, dass sie 3 Monate "überleben" würde und meinem Versprechen, dass ich sie abholen würde, wenn sie mindestens ein dreiviertel Jahr "durchhalten" würde.


    Das Versprechen


    Ehrlich gesagt habe ich anfänglich nicht geglaubt, das Versprechen einlösen zu müssen (oder dürfen). Nicht dass ich besonders arglistig bin, es war wirklich die Ungewissheit, ob es ihr gelingen würde nach einem Sprachkurs einen Job zu finden. Nur mit einem Job hätte sie ihr Auskommen gehabt und wäre die anvisierte Zeit überhaupt möglich gewesen. Drastisch gesagt: sie hätte sich in jedem Fall das Rückflugticket verdienen müssen.

    "Verdienen" bedeutet in Japan in aller Regel eine 6 Tage Arbeitswoche. In einer vollkommen fremden Kultur, Sprache, Schrift, Essen usw. ein heftiger Mix. Ich gebe zu, ich habe mir das eine oder andere Mal vorgeworfen, ihr zu viel zugemutet zu haben.

    Sie fand einen Job auf Kyushu in einer Farm, und ihre ersten Worte nach 2 Monaten Schule in Tokio per Whats App aus dem südlichsten Zipfel von Osumi an der Bucht von Kagoshima waren schlicht: "es ist einfach nur wunderschön hier und die Leute sind total nett!"

    Also fing ich an You Tube zu inhalieren und die Vlogs von Japan-Verrückten zu studieren. Es würde tatsächlich das passieren, woran ich niemals ernsthaft mehr geglaubt habe: eine erkaltete Liebe besuchen: Japan.


    Fortsetzung folgt...

  • Das Klo


    Ich habe die Wette gewonnen! Ich habe es geschafft, die 9 1/2 seit der Zwischenlandung bis nach Tokio im Flieger nicht auf´s Klo zu gehen. Ich hasse Flugzeug-Toiletten. Auch wenn der Geist stark ist, meine Blase teilte diese Einstellung nicht unbedingt. Dennoch bin ich ganz munter (so man das nach 16 Stunden auf Achse sagen kann) mit meinem Trolley aus dem Flugzeug raus um gleich nach der ersten Ecke wieder auf ein Pulk Menschen zu stoßen. "Schwache Menschen" nach meinen dafürhalten, welche hier gleich das erste Klo auf japanischen Boden frequentieren mussten. Verächtlich wollte ich weiter meiner Wege ziehen, doch aus den Augenwinkeln nahm ich eine Botschaft war, welche mich nachdenklich stimmte: "Dies ist die einziger und letzte Toilette vor der Einreise".


    Einreise: Menschenmassen, Passkontrollen, wieder Menschenmassen, Zollkontrolle. Manchmal siegt auch das bisschen Verstand was ich besitze. Was soll´s. Also auf´s Klo. Im Kopf noch die Toilette in Moskau, wo ich mir die Fähigkeit zu schweben gewünscht hätte, um nichts berühren zu müssen. Ich bin echt kein ekliger Mensch, aber es war schon echt spannend in Moskau, was die "Örtchen" betraf.

    Und so starrte ich recht fassungslos auf ein vollkommen sauberes Klo. Boden, Wände, Tür, und Schüssel selbst, alles blitzeblank.

    Über die japanischen Klos hatte ich schon einiges erfahren, insbesondere, dass man nicht ganz so unbedarft an die Sache herangehen sollte, wenn man keinen Schimmer hat, wie man das, was man "verursacht" hat, am besten verschwinden lässt. Auch dieses Klo hatte die berüchtigte Tastaturleiste an der Seite. Zum Glück musste ich nur für kleine Reisende und ich musste auch nichts drücken. Kaum wurde es für die Schüssel wieder helle, ging die Spülung von allein.


    Zu japanischen Toiletten gibt es noch folgendes zu sagen. Wer unbedingt die Knöpfe der Klotastatur probieren möchte, sollte sich darauf einrichten an diversen Stellen untenherum nass zu werden. Wer dann die Fön-Funktion nicht findet, muss sich mit extrem dünnen einlagigen Klopapier behelfen.

    Ein großes Problem bei großen Geschäften für uns Europäer ist der Umstand, dass es auf öffentlichen Klos, aber auch in Hotels auf den Zimmern, keine Klobürsten gibt. Man steht also vor dem Problem, wie man seine Rallystreifen weg bekommt. Meine Tochter z.B. hatte sich für ihre Zeit in Japan eine Klo-Zahnbürste zugelegt, welche sie immer am Mann bzw. Frau hatte. Bitte im Bad des Hotelzimmers darauf achten, dies separat zu positionieren, um das Malheur weiterer Verwechselungen zu vermeiden. Ganz zum Schluss meines Japanaufenthalts hatte ich dann eine "Technik" drauf, bei der so gut wie keine "Verzierungen" zu Stande kamen. Ansonsten hilft nur hundertmal spülen oder eben mit Klopapier und den Fingerchen nachhelfen. Ist so.


    Ach und noch was. Öffentlich Klos sind zwar sauber, aber recht rar gesät. Wenn man in die Verlegenheit kommt, müssen zu müssen, sollte man nicht erst wenn´s echt brennt ein Klo finden müssen. Entdeckt man unterwegs eine Gelegenheit, sollte man diese durchaus nutzen. Auch auf den größeren Bahnhöfen läuft man sich manchmal echt ein Wolf, um ein WC zu finden.


    Zurück zum Flughafen. Es gab tatsächlich kein weiteres WC mehr. Selbst im Terminal nach den Kontrollen. Da gab es sicher irgendwo, aber ich hätte sie nicht suchen mögen, wenn mir bereits der kalte Schweiß auf der Stirn steht.


    Das mit den Klo-Schuhen lasse ich einfach mal weg...


    Fortsetzung folgt...

  • Ab auf´s Plätzchen!


    Kaum war das Papa-Tochter-Gespann wieder vereint, begannen 2 Systeme miteinander zu ringen. Meine Japan-Blog Bildung gegen die Google Maps Unterstützung meiner Tochter. Ich wollte mit dem Narita Express zur Tokio Station, Smartphone-Opfer Tochter bestand auf den Skyliner nach Ueno. Ich hatte den NEX als die schnellere Verbindung im Gedächtnis, zumal es von der Tokio-Station je nach Metro-Linie nur noch 1 bzw. 2 Stationen bis zum Hotel waren. Von Ueno dagegen braucht man noch wenigsten Stationen.

    "Vertraue mir, Pa!"

    Ich sollte jedoch in Folge lernen, dass eine internet-unterstütze Orientierung hier vor Ort "überlebenswichtig" ist. Aber das ist ein eigenes Thema wert und kommt noch.

    Mit den Fahrkarten-Schnipseln geht es ähnlich wie in London durch Schranken zu den Zügen. Ähnlich wie in London den Stanstead Express wollte ich auch gleich das erstbeste Abteil das total leeren Zugs entern. "Nee" meinte Tochter, "wir müssen noch ein Stückchen den Bahnsteig runter, unser Abteil muss ganz vorne sein". Unser Abteil? "Jupp, Abteil 9 Sitze 28 C und D." Aber ist doch leer! "Warte ab."


    Beim nächsten Halt stürmten Pendler den Zug...


    Außerhalb des "normalen" ÖPNV sind überregionale Bus- und Zugverbindungen in der Regel mit Sitzplatz Reservierungen verbunden. Es gibt durchaus auch reservierungsfreie Abteile, auch beim Shinkansen, aber das ist nicht bei jeder Verbindung der Fall. Wer spontan etwas weiter nach XY möchte, weil der Tag gutes Wetter verspricht und frisch-fröhlich zum Fernbus-Terminal nach Shibuya kommt, kann Pech haben, weil die nächsten 3 Busse schlicht ausgebucht sind.

    Zu bestimmte Zeiten und Strecken kommt ohne vorausschauende Planung und Buchung eher suboptimal voran.


    Fortsetzung folgt...

  • Die wirklich ersten Eindrücke


    Jetzt quatscht der hier von Klos und reservierten Zügen. Aber wie ist er denn nun, der erste Eindruck, wenn man Japan das erste Mal leibhaftig sieht? Worüber man im Laufe des Lebens so viel gelesen und "ferngesehen" hat.


    Moment, da muss ich wieder zurück ins Flugzeug, denn bei wolkenfreien Himmel (absolut irre, den hatte ich von Berlin bis Tokio - Dank Klimawandel ;b) sieht man Japan zuerst von oben ;-).


    In meinem Fall steuerte der Flieger Japan auf Höhe Niigata an, und so sieht man von Japan zuerst die recht auffällig geformt Insel Sado. Als Nihonto-Freak assoziiere ich gleich die Goldminen der Tokugawa, die Knastinsel der Tokugawa und Tsuba-Macher von Sado welche u.a. stark vom Kinai-Stil geprägt sind.

    Gleichzeitig kommt auch schon die Küste von Honshu in Sicht und mit ihr die massiv noch mit Schnee bedeckte Gebirgszüge von Aizu-Wakamatsu bis Yamagata. Ganz weit hinten kann man den Berg Gassan erahnen. Hier bekommt man gleich den Eindruck davon, wie gebirgig Japan tatsächlich ist. Ein meinem Fall auch, wie schneereich die dem japanischen Meer zugewandte selbst Ende April noch erscheint. Die Berge erscheinen unwegsam und nur in den Täler sieht man Siedlungen.

    Weiter geht's direkt über Aizu-Wakamatsu und ab dem großen Inawashiro See wird es grüner und freundlicher - und vor allem ist Japan aus der Luft schon wieder zu Ende. Ich sehe bereits die Ostküste und den Pazifik. Ich glaube an dieser Stelle ist Japan vielleicht gerade mal 170 km breit.

    Langsam verringert sich die Höhe und der Flieger schwenkt parallel zur Pazifikküste Richtung Mito ab. Cool, Mito, wabert es in meinem Nihonto-verseuchten Hirn. Eine der drei wichtigsten (wenn auch die kleinste) Domäne der Tokugawa. Von hier stammt der letzte Shogun. Hier hat Katsumura Norikatsu und seine Aite also die prächtigen Hosho-Utsushi hergestellt. Eine freundliche, frisch-grüne Hügellandschaft bestimmt das Bild.

    Hier sieht man eine weitere typische Besonderheit Japans: große Flächen sind hier weit ins Meer gebaut. Nun geht es immer tiefer und kurz vor der Landung muss man erkennen, dass Japaner offensichtlich auch große Golf-Fans sind. Reisfelder und Golfplätze streiten sich um jedes Fleckchen Erde. Oder sind es Golfplätze mit integrierten Reisanbau? Oder vielleicht umgedreht? Ich verliere den Überblick.


    Ich muss mein Kram zusammenraffen und die Schuhe wieder anziehen (mich wundert es, dass während des Flugs keiner in Ohnmacht gefallen ist).


    Fortsetzung folgt...

  • Fahrkartenschnipsel? Warum habt ihr keine Suica Card geholt? Ist viel bequemer.

    "Fahrkartenschnipsel" bezog sich auf den Skyliner. Da funzt die Suica nicht. Mit Suica kann man die Sobu oder Keisei Linie nehmen, aber dann hast du einen Bart, wenn du in Tokio ankommst. Der Japan Rail Pass deckt den NEX ab, weil´s ein staatliches Unternehmen ist. Aber der Rail Pass hat sich für meine Vorhaben nicht gelohnt.


    Meine Suica, welche ich mir schon in Deutschland besorgt habe, durfte ich dann nach dem Skyliner in Ueno endlich zücken.

  • Konbini


    Ich habe den Metro-Bahnhof längst wieder vergessen, der mich dann leibhaftig das erste Mal auf Tokioter Boden ausgespuckt hat. In einigen 100 Meter gab es an die 4 oder 5 Metro-Stationen im Umfeld unseres Hotels. Obwohl ich mir auf meinen Orientierungssinn echt was einbilde, hatte ich bis zum Schluss echt zu tun gehabt, von den jeweiligen Stationen auf anhieb die richtige Richtung zum Hotel zu finden. Orientierung ist ein eigenes Thema.

    Vorerst bugsierte die Tochter ihren von der langen Reise und den Eindrücken leicht angeschlagenen Vater durch die Straßen.

    Ich war in meinem Leben als echter England-Fan bestimmt an die 25 mal in London. Unwillkürlich musste ich an London denken, als ich durch ein Labyrinth von quirligen "Gassen" geschleift wurde. Unzählige winzige Restaurants, die Gerüche sind überwältigend. Die ganzen kleinen Nebenstraßen besitzen keine Bürgersteige, so wusste ich erst mal nicht, wessen ich meine Aufmerksamkeit schenken sollte, den Läden, Restaurants, Auslagen, Häusern, Menschen, oder das mein A... in Sicherheit vor Mopeds und Autos ist.


    "Hast Du Hunger?" fragte Tochter. "Naja, lecker schnupperts schon. Ich dagegen wahrscheinlich eher nicht nach -zig Stunden". "Okay, dann essen wir im Hotel"! "Watt? Die haben ein eigenes Restaurant?" "Neee", lacht Tochter, "umme Ecke ist gleich ein 7 Eleven".


    Aha.


    Und so war das erste was ich in Japan aß ausgerechnet ein Fertiggericht aus der Mikrowelle auf dem Hotelzimmer. Hört sich aber schlimmer an, als es tatsächlich ist. Es gibt eine ganze Reihe sogenannter Konbinis. Es 24 Stunden Geschäfte und weit mehr als nur "Supermärkte". 7 Eleven, Lawson und FamilyMart sieht man am Häufigsten in Tokio. Konbinis sind schon fast kleine Rettungsinseln im Großstadt-Dschungel. Ich sprach schon das Thema Klos an, hier findest du kostenlose WC. Konbinis besitzen auch immer einen abgetrennten Bereich mit Tischen und Stühlen, in dem du "kostenlos" mal die Beine lang machen kannst. Hier kannst Du auch angebotenes Essen verputzen. Fertigessen hört sich etwas "billig" an, aber die Auswahl ist extrem frisch und wirklich lecker. Die Fertigessen haben mit den Angeboten unserer Discounter nichts zu tun. Bestimmte Fertigessen kann man sich an der Kasse gleich warm machen lassen. Vor Ausflügen haben wir uns früh auch gerne mit Onigiris eingedeckt, die unterwegs echt satt machen.

    Traust Du dem Akku deines Smartphone nicht und bist du dir deswegen nicht sicher, dass dein Mobil-Ticket bei der Rückreise einer Fernbus-Tour noch angezeigt wird? Kein Ding, mit dem USB-Stick in den Konbini und Ticket ausgedruckt. Ist am Anfang etwas try and error, aber das macht es erst interessant. Deine Suica kannst Du hier aufladen, oder damit sogar bezahlen. Lustig: als Teutone habe ich natürlich das Biersortiment des "7 Eleven von umme Ecke" durch probiert. Jedes Mal wenn der Scanner der Kasse ein alkoholisches Getränk erkannte, wurde ich höflich aufgefordert durch tippen auf den Screen der Kasse zu bestätigen, das ich schon 20 bin. Ich fühlte mich stets geschmeichelt.

    Geld abheben mittels Kreditkarte an den Geldautomaten im Konbini - insbesondere wenn Du die Summe in kleinen Scheinen möchtest - hier bist Du richtig.

    Ach und noch was: Konbinis besitzen für jap. Verhältnisse etwas ausgesprochen wertvolles - Mülleimer!


    Ist ein eigenes Thema.


    Kommt später...

  • Von A nach B


    Erfolgreich haben wir uns durch die Gänge und Treppen des Bahnhofs gekämpft und haben auch den richtigen Ausgang gefunden. Letzteres ist enorm wichtig! Jedenfalls sehen wir wieder Tageslicht und stellen uns erst mal so, dass wir keinem im Wege stehen. Blick die Straße links runter: äähh..., Blick die Straße rechts runter: kratz, kratz...oder eher gerade zu? Joah...Smartphone in die Hand, Google Maps rein und eene, meene Muh, erst mal da lang...40 Meter gelaufen. Der Punkt bewegt sich! Ooookay, auf dem Absatz kehrt, marsch!


    Meine dringendste Empfehlung für das erfolgreiche irgendwo ankommen in Tokio: ein Smartphone nebst Navi-App und Internet. Eine Offline-App geht sicher auch, aber Online war mir sicherer. Das Ding ist einfach dass Straßenschilder Mangelwahre sind. Bestenfalls an großen Kreuzungen und Straßen sind sie mir aufgefallen. Hausnummern sind ähnlich selten und eh durcheinander. Erstaunt war ich ebenfalls, dass es für mein dafürhalten in Tokio verhältnismäßig wenige Hinweisschilder gibt, welche auf eine Sehenswürdigkeit in der Nähe verweisen.


    Dabei habe ich noch nicht einmal geglaubt, dass ich in Japan Internet am Mann haben werde. Chips für Telefonie und Internet in Japan kann man sich schon von Deutschland aus besorgen. Aber natürlich war wieder mal mein Modell von Telefon nicht dabei, wo ein Funktionieren garantiert wurde. Ansonsten lauern in Narita diverse Stände von Anbietern darauf, dir zu Konnektivität zu verhelfen. Aber bereits beim Zwischenstopp in Moskau, als ich ungelogen in einer 300 Meter langen Schlange anstand um eine völlig sinnlose Sicherheitskontrolle zu passieren, stellte mein Handy fest: nanuuu, was machst du den hier? Brauchste du Stoff? Für die und jene Konditionen kannste so und so viel Volumen haben. Mit wenigen Fingertips konnte ich damit auch gleich schon in Moskau meiner Frau übermitteln, dass Scheremetjewo der größte Saftladen ist. Das Datenvolumen war für 30 Tage ausgelegt und hat dicke für meine Belange gereicht.


    Fortsetzung folgt

  • The Forrest


    Geschafft! Kein Yurei hat uns erwischt. Der Wanderweg endet unspektakulär an einem Sportplatz, dennoch sind wir verzückt. Die Kirschblütenwelle hat Ende April Japan längst überrollt, doch der Sportplatz ist umsäumt von Kirschbäumen, die vor Blütenpracht fast zusammenbrechen. Wahnsinn! Gleichzeitig wabern tief die Wolken in den Hängen der schroffen Misaka-Berge. Das Ganze erinnert mich etwas an Norwegen, wenn da nicht die Kirschblütenpracht wäre.

    Eigentlich kein Wunder, sind wir hier doch um die 1000 Meter über dem Meeresspiegel, es ist hier deutlich kühler als in Tokio und die Natur ist hier weit zurück. "Na Super, wenigstens Kirschblüten, wenn uns schon der Fuji schmählich verraten hat."

    Fast jeden Tag hatte ich den Wetterbericht verfolgt, denn wenn man schon zum Fuße des Fuji fährt, wäre es eine coole Sache, den Fuji zu sehen. Ich musste ja auch den Highway-Bus nach Kawaguchiko buchen und einige Abfahrtszeiten waren schon ausgebucht. Aber der Wetterbericht wechselte fast stündlich von richtig Klasse bis absolut unterirdisch mit sintflutartigen Regenfällen.

    Da ich in meinen früheren Leben ein schlechter Mensch war, präsentierte sich das Wetter am Tage unseres Ausflugs grau und regnerisch. Da wo der Fuji hätte sein müssen, war ... nichts. Fuji mit ohne Fuji.

    Also haben wir den Abstecher nach Fujiyoshida zu DEM ULTIMATIVEN Foto-Spot des Fuji gleich sein gelassen und mir damit an die 1000 Treppenstufen und Knie-Aua erspart. Dann lieber gleich bei gruseligen Wetter nach Aokigahara und damit zur Wind-Höhle. Um den ersten Bus der grünen Linie in Kawaguchiko in Richtung Windhöhle zu erwischen, ging es schon um 6:40 von Shibuya mit dem Highway-Bus los. Der Bus war rappel-voll, hauptsächlich junge Japaner, darunter viele Mädels. Mir war es ein Rätsel, wie die in ihren hellen Stofftretern durch die Natur stiefeln wollen. Wir waren so gut wie die Einzigen, welche mit Outdoor-Nahkampfklamotten gerüstet waren. Des Rätsels Lösung ist ein Halt vor der Endhaltestelle - der Fuji-Q Freizeitpark. Hier verschwand der Großteil der schnatternden Busladung. Deswegen ist es ratsam, zu mindestens hin zu den Bus im Vorfeld zu buchen. Manche Abfahrtszeiten waren eine Woche im voraus bereits ausgebucht.


    Es ist erstaunlich, wie schnell man zu mindestens Richtung Fuji die Metropole Tokio hinter sich lässt. Wir fahren am Mount Takao vorbei, den wir später noch besuchen werden. Die Landschaft erinnert hier etwas an das Bode-Tal im Harz. Anfangs ist alles noch frisch grün, doch um so höher wir Richtung Fuji kommen nimmt sich die Natur immer mehr zurück.

    Von Kawaguchiko braucht es noch mal etwa 40 Minuten mit dem grünen Bus bis zum "Meer der Bäume". Von der Nordseite des Fuji fällt das Gelände sanft ab. Hier reihen sich die "fünf Seen" auf, wie der Motosu, Saiko und Kawaguchi-See. Begrenzt wird das Ganze von den Misaka-Bergen mit ihren steilen Hängen. Früher war das der letzte Zipfel der Provinz Kai, dem Herrschaftsgebiet der "Bergaffen von Kai", dem Takeda-Clan. Heute ist es Teil des Hakone-Izu-Fuji-Nationalparks und gehört zur Präfektur Yamanashi.


    Die Windhöhle erreichen wir mutterseelenallein. Der Vorteil des schlechten Wetters: es sind kaum Touristen unterwegs. An der Kasse kann man gleich ein Kombiticket für die knapp 2 km entfernte Eishöhle kaufen. Machen wir glatt.

    Wer von den großen deutschen Tropfsteinhöhlen verwöhnt ist, wird hier eher enttäuscht sein. Aber es sind halt keine Höhlen, welche durch tausende Jahre Erosion entstanden sind, sondern eher Hohlräume, welche beim großen Ausbruch des Fuji vor etwa 1200 Jahren entstanden sind. Bemerkenswert ist die enorme Sprungschicht der Temperatur, wenn man zur Höhle hinab steigt. Es wird schlagartig eiskalt. Deshalb wurden die Höhlen in der Edo-Zeit wie große Eiswürfelmaschinen für die Fischmärkte genutzt. Das eindringende, gefrierende Regenwasser wurde das ganze Jahr geerntet und nach Edo (Tokio) geliefert. Außerdem wurden hier Seidenraupen-Kokons gelagert.


    Wer nicht so körperlich flexibel ist, sollte ich die Eishöhle eventuell klemmen. An der schmalsten Stelle muss man sich echt Fakir-artig durchzwängen. Zwischen Boden und Höhlendecke sind es gerade mal 80 cm. Ich glaube nicht, dass man das in Deutschland zur Begehung genehmigt hätte. Im Gegensatz zur Windhöhle achten die Angestellten darauf, dass man hier den Helm auch aufsetzt.


    Der Weg zwischen den beiden Höhlen zeigt die traurige Berühmtheit des Waldes auf, forciert durch -zig idiotische Youtuber, welche nur deswegen hier her kommen. Die berüchtigten gesperrten Wege finden sich in unmittelbarer Nähe der Höhlen. Gegenüber der Absperrung das Schild, "dass das Leben doch nicht so Sch...e ist, wie es wirkt, usw." Hier ist der Aokigahara der Suicide-Forrest.


    Ich habe lange versucht, über die Wanderwege dieser Gegend Informationen zu finden, aber das Netzt ist zugemüllt mit dem Suicide-Gelaber. Wie auch immer, erst vor Ort erkennt man, dass es eine Vielzahl von tollen Wandermöglichkeiten gibt. Wir begnügten uns von hier einmal quer zum Iyashino-Sato Nenba Dorf zu wandern. Dieses Dorf direkt am Fuße der Misaka-Berge war einst Opfer eines Erdrutsches, wurde dann im traditionellen Stil wieder errichtet und ist Heute so etwas wie eine Künstlerkolonie, wo man diverses trad. Kunstgewerbe erstehen kann.


    Und kurz vor diesem Dorf verlassen wir den Wald und freuen uns ein Kullerkeks über die Eingangs beschriebene Kirschblütenpracht. Wenn schon kein Fuji, wenigstens die Kirschblüten. Ich schau mich nach einem guten Fotomotiv um und starre plötzlich entgeistert Richtung Wald zurück: "d..d..da, d..der Fu.., der Fuji!!!! Verdammt, verdammt, schnell! Stell dich da hin" fahre ich meine Tochter an und versuche Tochter nebst Fuji bestmöglich mit der Kamera einzufangen. Aufkommender Wind hat die Wolken aufgerissen und gibt etwas von dem massiv mit Schnee bedeckten Gipfel des Fuji frei. Die Geister des Fuji no Jukai sind uns also keinesfalls so böse, wie es alle einen weis machen wollen. Ganze 1 1/2 schenkt der Vulkan uns noch seine Gunst, dann verhüllt er sich wieder im Grau des Himmels.


    Über den Wald wird viel Blödsinn im Netz gelabert. Er sei gruselig still, man könne sich leicht verlaufen und natürlich spuke es.

    Der Wald ist einfach nur wunderschön. Der Boden des Waldes ist ein einziges gigantisches Geröllfeld, entstanden beim Ausbruch des Vulkans 864 a.D.. Es wachsen hier überwiegend Koniferen und Zypressen, die immergrün sind und durch fehlendes Laub keine Humusschicht bilden. Das Geröll ist daher von Moosen und Flechten bewachsen und die Wurzel der Zypressen krallen sich an der Oberfläche wie riesige Tentakeln von Kraken an den Steinen fest. Teilweise ist der Boden dermaßen zerklüftet, dass es schwachsinnig wäre, dort reinlaufen zu wollen, ohne sich Greten zu brechen. Zypressen sind etwas leiser im Wind, aber es rauscht nicht wesentlich anders wie in jedem anderen Wald. Über zu wenig Vogelgezwitscher, selbst bei dem eher bescheidenen Wetter, brauchten wir uns auch nicht beklagen. Die Wanderwege sind bestens ausgeschildert - in Kanji und lateinischer Schrift. Süß fand ich, dass man die Wahl zwischen dem "normalen" Trail und einem "hard Trail" hatte. Dieses "hard" hatte in etwa die gleiche Wertigkeit, wie das "sehr scharf" auf der Packung einer Supermarkt Pizza. Dennoch ist man mit leichten Wanderschuhen gut beraten.


    Zu guter Letzt: die Region ist berühmt für ihre Udon-Nudeln. Deshalb meine dringende Empfehlung, vor Ort eine Portion der dicken Regenwürmer zu verdrücken.

  • Die 47 Ronin


    Jaja, ein Klassiker, war ja logisch, dass der da hinrennen muss..., aber eigentlich hatte wir noch etwas Zeit, da um 17:00 ein Termin bei einem (von mir und Kaji geliebten) Schwerthändler an stand.

    Außerdem hatte ich in meinem Leben so viel über diesen Vorfall gelesen und gesehen, da wäre es echt doof gewesen, wenn man schon mal vor Ort ist, nicht vorbei zu schauen und seinen Respekt zu erweisen.


    Respekt? Naja...betrachten wir die Sache mal nüchtern: Provinzdödelfürst lässt sich von Hofschranze mobben, weil dieser keinen Plan davon hat, wie er seinen Job machen soll. Dieser rastet nun aus, weil er sich nicht im Griff hat und versucht dem Beamten-Arsch mit dem Kurzschwert nen Scheitel zu ziehen. Warum auch immer hat es beim Schwertrumfuchteln nur zum Kratzer bei der Schranze gereicht.

    Ziemlich doof, denn die Konsequenz des Fuchtelns ohne nennenswertes Ergebnis war seinerseits der Befehl des Bauchschnippelns.

    Natürlich wird in Japan diese Verfehlung gleich nach unten weitergetreten, die Provinz kassiert und die Samurai vom Hitzkopf durften abhartzen.

    So und jetzt kommts. Cheffe zu rächen war verboten worden. Mehr als 100 Jahre zuvor hat Generationenlang jeder gemacht was er wollte. Um des lieben Frieden willens wurden halt so einige "das haben wir schon immer so gemacht" abgeschafft.

    Aber nööö, insgeheim lauerte die voyeuristische Gesellschaft nur darauf, dass der Zoff in diesem Fall weitergeht und werden nach einer gewissen Spannungspause nicht enttäuscht. In einer der besten überwachten Städte Japans (ein Schelm, wer böses dabei denkt), schaffen es 47 Hanseln des Entleibten ein Gemetzel bei der Büro-Bitch anzuzetteln und letzteren um seine Rübe zu erleichtern.

    Zur Belohnung durften die Terroristen sich dann selbst beschnippeln und wurden neben Cheffe im Sengakuji verbuddelt.


    Am Metro-Bahnhof angekommen erst mal die übliche Desorientierung. Der Bahnhof hat nun schon für Tokioter Verhältnisse lächerlich wenig Ausgänge. Aber wir erwischen den Falschen. Da stehst Du nun wie Latsch ohne Senkel und suchst irgendwelche Hinweisschilder zum Tempel. Nüscht dergleichen. Ich denke noch, kann doch nicht sein, du bist doch nicht der Einzige, der zu den weltberühmten Attentätern will. Aber vielleicht der Einzige, der ausgerechnet am falschesten Ausgang steht.

    Also auf das Smarti gekiekt, irgendwo langelatscht - und wie so oft - okay, um 180 Grad kehrt bitte.

    Im Grunde ist es wie bei mir umme Ecke von der Arbeit am Checkpoint Charly: hier war mal was, aber so richtig Original ist alles nicht mehr. Der Tempel wurde ursprünglich von Ieyasu Tokugawa in Auftrag gegeben, später aber umgesetzt. Die beiden noch existierenden Tore sind aus den 1830gern und das Hauptgebäude hübsch anzusehen.

    Bevor man zu den Gräbern kommt, geht man an der "Gallery des Grauens" vorbei. Da gibt es den blutbefleckten Stein und Pflaumenbaum, den Cheffe beim Seppuku mit Blut beschmoddert haben soll. Dann gibt es noch den Brunnen, an dem die Ronin die Birne des Widersachers wieder schnieke gemacht hatten, bevor sie diese dem Priester überreicht haben. Da die Japaner die Preussen Asiens sind, gab´s dafür eine Quittung. Diese ist als Rollbild montiert im kleinen Museum zu sehen.

    Ich war etwas enttäuscht, hatte ich doch gehofft, dort als Schwert-Fuzzi einige der Original-Prügel der Ronin zu sehen. Ich hatte vorher noch mal nachgeschaut, welcher Ronin Schwerter welches Schmiedes besaß. Ein bisschen ausgestellter Krimskrams, rostige Kettenärmel und Helmglocke,eine halb-lawede Lanze, und eine Naginata, ein paar kurze Bögen. Ich bezweifle, dass es Ausrüstung der 47 war, sondern schlicht nur zum "etwas ausstellen" da lagen. Etwas netter war in einem weitern Gebäude eine Ausstellung von Holzfiguren der Ronin. Hier fehlten mir Infos über das Alter und wofür diese gedacht waren.


    Für wahre Fans mit Sicherheit ein muss, aber man wird nicht viel Zeit brauchen. Genau richtig für dafür, uns die Zeit bis zum Händlertermin zu vertreiben. Viele Tempel verkaufen Talismane. Der Sengakuji ist so klein, dass wir einen Mönch herausklingeln mussten, um für meiner Mutter das versprochene Mitbringsel erwerben zu können.

  • Nachtrag zu den Holzfiguren der 47 Ronin (auch wenn es wahrscheinlich niemanden interessiert). Die Figuren stammen angeblich von Sekiran Okumura und seinen Schülern aus den 1890gern.

  • Hin und wech


    "Was wünscht Du Dir denn zum Geburtstag?" "Na ein Kamakura-Schwertchen!" Seit fast 30 Jahren jedes Jahr das selbe, was meine Family auf diese Frage zu hören bekommt. Geschenkt bekommen habe ich es nie. Das liegt auch daran, das ein "Kamakura-Schwertchen" sich nicht finanziell eben mal aus den Rippen schneiden lässt. Was explixit ein "Kamakura-Schwertchen" ist, würde hier jetzt zu weit führen. Kamakura steht zu mindestens für eine sehr bedeutsame Periode der Geschichte, war eine Zeitlang Regierungssitz der Hojo-Shogune und steht für eine der wichtigen Schwertschmiede-Traditionen der Gokaden. Ich sage nur Masamune und Konsorten.

    Wenn schon kein Kamakura-Schwertchen mich bisher erreicht hat ( am nächsten dran war Nanbokucho Shikkake Klinge), dann könnte ich ja wenigstens mal in Kamakura den Gehweg dreckig latschen - dachte ich.

    Tochter war schon in Kamakura gewesen und befand es als "Jooo, ganz nett da". Andere Spots fand sie halt "netter". Deswegen stand Kamakura zwar auf der Liste, war aber nicht in Stein gemeißelt.

    Nach einem ganzen Tag "nur" Tokio hatte ich genug von Trubel und wollte am Folgetag dem Molloch entfliehen.

    Also dann doch Kamakura.

    Normalerweise plane ich immer alles durch. Aber bei diesem Japan-Trip habe ich mich voll auf Tochter verlassen, denn die war ja schon überall und kannte alles, so dass ich nur hinterher dackeln brauchte. Eine vollkommen neue Erfahrung, mein Leben lang war ich sonst der Reiseleiter.

    Das Ganze hatte aber einen Haken: irgendwie war ich fest der Meinung, in Kitakamakura auszusteigen. Das ist nur ein Halt und nicht der "Hauptbahnhof". Hier jedoch war meine Tochter noch nichtgewesen. Ich war der Meinung, einfach den Touri-Massen hinterherzulaufen und damit die Sehenswürdigkeiten abzuklappern, määäp, es stiegen vielleicht 2 Dutzend Leute aus, welche sich ratz fatz verliefen. Grüne Natur, ein winziger Bahnhof, ein paar Häuser, eine Dorfstraße - und wo geht's lang?

    Ich erinnerte mich an eine Beschreibung des uralten Daibutsu-Wanderweges im Net und kramte das Handy raus. Eigentlich muss hier irgendwo irgendso ein Tempel sein. Jupp, gleich umme Ecke. Warte ma, En...ga...ku...ji...naja, denn ma ruff die Treppen.

    Und dann war ich hin und wech...

    Nicht das ich vorher keine Tempel gesehen hätte, Sengakuji, Sensoji und andere die ich schon wieder vergessen habe. Aber das ist es nicht. Es ist alles, es ist Kamakura. Ich war sofort gefangen in einer Art Kraftfeld - ich kann es nicht beschreiben. Vertraut und neu zugleich. Friedvoll, und doch voller Spannung und Kraft. Nein, ich nehme keine Drogen.

    Kennt ihn vielleicht jemand, den Japanbuschsänger? Ich sage nur Tsubaki Sanjuro, der Film von Kurusawa aus den 50gern. Hier hört man den Singvogel sehr oft in bestimmten Einstellungen. Er symbolisiert für mich geradezu Kurosawa, Samurai, Mifune und die alten Filme.

    Hier höre ich ihn des erste mal in Japan. Genau in dieser beindruckenden Stimmung. Mir haben sich die Nackenhaare aufgestellt.

    Tochter wollte schon immer eine Botschaft an die Götter hinterlassen, aber bei den üblichen Massen an den Tempel hatten wir kaum Lust dazu. Hier dagegen herrschte Ruhe. Da kam mir die Idee: "pass auf, wir teilen uns so ein Schildchen!" Auf die Schilder schreibt man seinen Wunsch und hängt sie im Tempel auf. Nach einer Zeit muss wieder Platz gemacht werden und die Priester verbrennen sie dann. Mit dem Rauch erreichen die Wünsche dann die Götter. "Na ich wollte das im Hasedera machen. Da wollen wir noch hin, Dort fand ich es auch sehr schön!" - Nee, genau hier" widersprach ich, nicht ohne Hintergedanken. Der Engakuji ist ein Haustempel der Hojo, erbaut auf Befehl Tokimunes. Hier gibt es noch mal einen kleinen Tempel mit dem Mausoleum Tokimunes. Wenn es jemals klappen sollte, wenn nicht hier?!

    Was meint ihr wohl, was mein Wunsch an die Götter war???

    Den Rest des Ausflugs beschreibe ich nicht näher. Nur so viel: der Daibutsu-Wanderweg benötigt etwa 3,5 Stunden mit Sehenswürdigkeiten. Wir haben nur ein Bruchteil geschafft, weil wir überall uns vertrödelt haben, beim Wandern, an Tempeln und Schreinen, an Aussichtspunkten, in Krimskrams- und Antikläden, am Strand von Kamakura...und plötzlich wurde es dunkel, weil es schon Abend war.

    Lustig: ich entdeckte das berühmte Enma Kyudojo ohne es zu wissen. Als ich davon meinen Leuten erzählte (wir haben auch eine Kyudo-Abteilung) sind die fast in Ohnmacht gefallen, als ich spöttelte, dass ich denen schon fast den Bogen wegnehmen wollte um zu zeigen, wie ein echter teutonischer Bowhunter Pfeile schießt. "Da pilgern ganze Heerscharen von Kyujin hin, dass ist einer der bedeutenden Dojos Japans" versicherte man mir verzweifelt.

    Oder: am großen Buddha war es wie ausgestorben, da eierten vielleicht 30 Touris rum. Unter anderem beteten da auch 2 "wichtige" Äbte. Jedenfalls vermutete ich das, da jeder der alten Herren mindestens 5 "bedienstete" Mönche hatte, die fächerten, Schirme und Sutratexte hielten usw. Vom Habitus sahen sie wie lamaistische Mönche aus und waren Asiaten, aber keine Japaner. Jeder machte einen respektablen Bogen um sie, während sie ihrer Religion frönten. Zum Schluss noch das obligatorische Foto der Äbte mit dem Daibutsu. Jeder machte Platz, damit nicht irgend so ein Touri-Trottel mit auf den heiligen Fotos zu sehen ist. Beide in demütiger Haltung und zum Gebet gefalteter Hände - knips. Ach noch eins - knips. Vielleicht zur Sicherheit noch eins - knips. Jetzt jeder für sich - knips. Im Seitenprofil - knips, mit Mütze - knips, ohne Mütze - knips, mit grinsen und V-Zeichen - knips, jetzt alle zusammen wie auf einem Fußballmannschaftsfoto - knips, jetzt noch beim Räucherstäbchen anzünden - knips, beim in den Weihrauchbrenner legen - knips, knips, knips. Ich habe mich fast weggeschmissen.


    Fazit: auf unserer Tour an den wichtigen Stationen des Wanderweges wie am Genjiyama Park oder am Daibutsu kann man erahnen, was für Massen an Feiertagen, am Wochenende und bei besten Wetter unterwegs sein können. Tochter selbst erging es so bei ihrem ersten Kamakura-Besuch. Da erschließt sich dieser Zauber gar nicht. Sie war genauso begeistert wie ich und in 2 Jahren holen wir das nach, was wir an dem Tag vertrödelt haben. Wir werden uns den Tag mit dem miesesten Wetter aussuchen und uns von Kamakura wieder gefangen nehmen lassen...

  • Nun, eine Sache zu erleben mag wunderbar sein, aber es ist einfach.

    Eine Sache so zu erzählen das der andere sie miterleben kann, das ist hohe Kunst !

    Daher keinen Dank von deiner Seite, sondern von unserer.

  • Im Reich der Riesen und Schwerter


    Ryogoku habe ich sofort gemocht. Wahrscheinlich lag es einfach nur daran, dass man hier nicht in Menschenströmen mit schwimmen muss und man so etwas mehr Muße hat, die Gegend in sich aufzunehmen. Im Grund ist Ryogoku genauso modernistisch wie andere Stadteile Tokios, aber Geschichts-Fans finden hier viele kleine Spuren des alten Edo. Das liegt im Wesentlichen daran, dass hier früher auch einige Domänen von Han-Fürsten, sowie anderer Samurai-Familien lagen. Zudem blühten hier Handwerk und Ryogoku ist das Sumo-Viertel schlechthin.
    Ryogoku meint soviel wie "2 Provinzen", denn mit dem Bau der Ryogoku-Brücke im 17. Jahrhundert von Edo aus, kam man prima per trockenem Fuß von Edo/Musashi nach Shimosa.
    Dieses Viertel atmet also viel Geschichte. Manches steht groß und breit da, wie das Edo-Tokio Museum oder das äußerlich futuristische Hokusai-Museum, anderes muss man etwas suchen, wie die Reste des Anwesens vom Zeremonienmeister Kira Kozuke no Suke. Hier brachen die 47 Ako-Ronin ein und rächten ihren Herrn Asano (Beitrag 47 Ronin). Passend dazu findet sich in Ryogoku die Stelle des Dojos von Yasubei Horibes. Yasubei war ein berühmter Schwertkämpfer gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Ursprünglich Ronin, kam er bei einer Auseinandersetzung seinen Dojo-Kollegen zu Hilfe und tötete im Kampf 3 Gegner. Ein Samurai des Ako-Clans, Yahei Horibe war so beeindruckt, das er Yasubei bat in dessen Familie einzuheiraten. So wurde Yasubei Ako-Samurai und letztendlich zusammen mir Yahei einer der 47 rächenden Ako-Ronin.
    Wer sich für die spätere Bakumatsu-Geschichte interessiert, findet in der Nähe den Ort, wo Katsu Kaishu geboren wurde. Er gehörte zu den Samurai, die bei der Ratifizierung des Amerikanisch-Japanischen Freundschafts- und Handelsvertrages 1860 in Washington zugegen waren, wurde später Marine-Spezialist und kämpfte bis zum Schluss auf Seiten der Tokugawa gegen die Meiji-Allianz. Er gehörte zu den wenigen Tokugawa-Anhängern, die auch in der Meiji-Regierung eine Rolle spielten.
    Geht man durch die Straßen, fallen immer wieder Restaurants auf, die aufällig mit Chanko werben. Chanko sind Eintöpfe, die besonders reichhaltig sind und die "Grundnahrung" der Sumoringer darstellen. Leider habe ich keinen der Riesen, die auch im Alltag traditionell in Kimonos rumlaufen, zu Gesicht bekommen. In jedem Fall muss sich trotzdem etwas wichtiges im Ryogoku Kogukikan abgespielt haben, denn dort herrschte ein riesen Auflauf z.T. mit quieckenden Mädels. Das Kogukikan ist das Sumo-Mekka Tokios, wird aber auch für Konzerte genutzt. Keine Ahnung ob das Gequieke den Kolossen galt, oder stylischen, androgynen Fönfrisuren-Jungs.
    Geht man am Kogukikan vorbei Richtung Norden, erreicht man rechter Hand bald eine mannshohe Mauer. Linker Hand wäre der Sumida, würde nicht eine Mords-Hochstraße den Blick einschränken. Die Mauer gehört zur Begrenzung des "alten Yasuda-Gartens". An dessen Stirnseite an einer Straßeneinmündung stößt man auf einen sehr modernen, aber typisch "japanisch-betongrauen" Neubau, dem NBTHK-Schwert-Museum. Der Beton-Klotz und der relativ übersichtliche Garten bilden eine für Tokio klassische Symbiose: eine Oase traditioneller Ausprägung im harten Kontrast der Umgebung in Beton und Glas. Für mich war es etwas, woran ich mich in Tokio erst mal gewöhnen musste.
    Auch der Yasuda-Garten ist symptomatisch für vieles in Tokio, was zwar "alt" aussieht aber im Grunde nicht sonderlich "alt" ist. Der Garten geht auf ein Anwesen des Kasama-Honjo-Han zurück. Der See im Zentrum wurde in Form des Schriftzeichens Herz angelegt. Damit dieses Herz auch schlagen konnte, war der See unterirdisch mit dem Sumida verbunden und hob und senkte sich mit den Gezeiten des nahen Meeres. Der Garten wurde später von Zenjiro Yasuda aufgekauft, einem der reichsten Geschäftsmänner der Meiji-Zeit und entsprechend dem Zeitgeschmack verändert. Das große Kanto-Erdbeben, zerstörte den Park, welcher aber hergerichtet bald der Öffentlichkeit übergeben wurde. Heute übernehmen Pumpen die Regulierung des Teiches. Als wir da waren, herrschte gerade Ebbe, so dass wir prima die vielen neugierigen Schildkröten ärgern konnten. Nicht gerade zur Begeisterung eines Parkwächter-Opas, der mit dem Megaphon ständig irgendwelche Durchsagen machte. Aufgefallen ist mir, das Park-Opa und eine Horde Schul-Bengel immer am entgegengesetzten Ende des Teichs befanden. Die Schulbengel hatten ständig ihre Finger im Wasser, worauf ich schloss, dass die Sorge des Megaphon-Opas den Koi und Schildkröten galt - es nur leider niemanden interessierte.
    Das nur nebenbei, denn mein eigentliches Interesse galt dem NBTHK Schwertmuseum. Die Gesellschaft zum Studium des japanischen Kunst-Schwertes wurde 1948 gegründet, hatte ihren Sitz im Nationalmuseum Tokio und zog 1968 in ein eigenes Museum in Yojogi um. Seit 2018 befindet sich Sitz und Museum nun hier in dem Gebäude am Yasuda-Garten. Durch den Haupteingang und den Büsten von Dr. Junji Homma und Dr. Kanzan Sato kommt man in eine große helle, moderniste Lobby mit viel Glas und Beton. Linker Hand Kasse und ein Shop, rechter Hand ein Info-Bereich, bei dem man sich über die Herstellung von Tamahagane und natürlich den Klingen an Schaustücken und Flachbildschirmen informieren kann.
    Wenn man seine Eintrittskarten erworben hat (Y 1.000 für Nichtmitglieder, Y 700 für Mitglieder) wackelt man zu einem Fahrstuhl und fährt zum Ausstellungsraum in die 2. Etage.
    Hier wird man auf keinem Fall durch eine Menge von Objekten erschlagen, so dass es auch für begleitende Nicht-Schwertenthusiasten erträglich ist. Die Ausstellungen sind immer Themenbezogen und wechseln alle paar Monate. Ich erwischte die Sugata-Ausstellung und konnte ganz wichtigtuend meiner armen Tochter die Eigenarten der Formveränderungen bei Schwertern ab der Heian bis zur Bakumatsu/Meiji anhand der ausgestellten Prachtexemplare erklären.
    Die folgende Ausstellung hätte den Schwerpunkt Shinsakuto der Heisei-Ära gehabt und die aktuelle Ausstellung ab den 12. Oktober behandelt den Schwerpunkt "Jihada". Es schadet also nicht, wenn man sich vorher über das aktuelle Thema informiert, um so etwas vorbereitet das Museum zu besuchen. Das Museum war während unseres Besuchs angenehm leer (etwa 15 Besucher). Allerdings ist zu beachten, und daran habe ich mich nie gewöhnt, das vieles was man in Japan besuchen kann (für unsere Verhältnisse) sehr früh schließt. Also nicht zu spät den Besuch planen, letzter Einlass ist 16:30 Uhr.

  • Die magische Stunde


    Ryoma, und dass sagst Du als Erfahrener "Japaner"! Stressig ist es in der Tat und man sollte kein Spät-Aufsteher sein. Etwas nervig war tatsächlich das frühe Schließen vieler Museen und Parks. Kaum waren wir in einem Park drin, scheuchten uns Lautsprecherdurchsagen auch schon wieder zum nächsten Ausgang weil es kurz vor 17:00 Uhr war. 17:00 Uhr ist offensichtlich eine sehr wichtige Uhrzeit. Überall klingt dann eine "Feierabendmelodie" über Lautsprecher durch die Straßen. Das war selbst bei Tochter auf dem Land in der Provinz so. Ich denke, das diese Lautsprecher insbesondere mit möglichen Vorwarnungen bezüglich Taifunen oder Erdbeben zu tun haben. Kann das sein, Ryoma?

    Obwohl man immer wieder hört, dass man in den Bürohochburgen möglichst nicht vor dem Chef nach Hause geht, ergießen sich pünktlich 17:00 Uhr wahre Sturzbäche von Bürotigern aus den Pforten der Bürotürme. Eine echte Flut tausender (meist in dunkelblau gehaltener) Anzugträger schiebt sich dann wie ein pyroklastischer Strom über die Gehwege zum Bahnhof Shibuya oder verliert sich in ein Kapillarsystem diverser Nebenstraßen in Sushibars, Restaurants oder Izakayas. Provokativ behaupte ich jetzt mal: anstatt aus dem Büro geht man nicht vor dem Chef aus dem Izakaya! In diesem Zusammenhang hatte ich auch eine Beobachtung, zu der ich nicht sagen kann, ob sie wirklich typisch, oder nur zufällig war. Direkt am riesigen Bahnhofskomplex Shibuyas hing halb liegend ein Anzugträger auf einer Bank und war voll wie eine Haubitze. Bei uns würde eine solche Alkoholleiche hämische Blicke oder Kopfschütteln ernten, bzw. ignoriert werden. Hier jedoch bemühten sich locker 4 Passanten ziemlich hilflos, den Schlips mit Schwips halbwegs senkrecht zu halten, während der Undankbare einfach nur seine Ruhe haben wollte.

    Trotz der Feierabend-Lawine muss man sonderbarer Weise keine Angst haben überrannt zu werden. Als Fremdkörper Gaijin wird man eher umspühlt wie ein Fels im Zen-Garten. Die Japaner sind unauffällig aufmerksam. Nur eins ist exakt gleich wie bei uns: Fahrradfahrer sind weltweit die selben und erwarten, dass man aus dem Wege springt, wenn sie angefegt kommen...