Flucht als Strategie

  • Würdest Du in einem Ernstfall vor einem Messerangriff flüchten? 4

    Das Ergebnis ist nur für Teilnehmer sichtbar.

    In der Kampfkunst wird gerade im Bereich der Selbstverteidigung, ob im Training oder Seminaren, immer wieder das Thema "Flucht" angesprochen. Insbesondere geht es zumeist bei Angriffen, bei denen scharfkantige Waffen benutzt werden, um die Strategie, sich durch Flucht vom Tatgeschehen zu entfernen. Aber: Ist Flucht grundsätzlich eine gute Strategie? Dazu habe ich einen Artikel in einem Blog verfasst und möchte mit Euch hier diskutieren. Wer hier mitdiskutiert, sollte sich den Blog wirklich komplett durchlesen haben, da die Gedanken zusammenhängend sind.


    Wichtig für die Diskussion ist, Behauptungen und eigene persönliche Sichtweisen auch als solche erkennbar zu machen.


    Für Leser ist es m. E. außerordentlich wichtig zu realisieren, wie sich dieses Thema aufstellt, also woher die Diskutanten ihre Ansichten haben (z. B. von ihren Trainern, durch Erfahrung, irgendwo mal gelesen - Quelle nicht vergessen!) usw. Auch habe ich hierzu eine kleine Umfrage gestartet. Die Fragen und Antworten sind m. E. selbsterklärend. Jeder hat die Möglichkeit, bis zu drei Antworten zu geben. Die Umfrage ist selbstverständlich anonym.


    Hier nun der Artikel: Wie sinnvoll ist Flucht

  • Zunächst ein technisches Problem: Ich kann in der Umfrage nicht abstimmen. Benutze Opera mit dem eingebauten AdBlock. Eine Idee, woran das liegen könnte?

    Zum Blogartikel ein paar eher lose Punkte, die ich nebenbei mitgeschrieben habe:


    0. Schwimmmetapher: Zu kurz gedacht. Sparring ist Schwimmen im Schwimmbad und das ist wichtig, um schwimmen zu lernen. Die Realität ist schwimmen im Ozean... So verstehe ich das zumindest. Natürlich gibt es auch die von Dir geschilderte "Fehlinterpretation".

    1. Abwenden zur Flucht: Ist nicht zwingend erforderlich, rückwärts bewegen vom Angreifer weg ist ebenfalls Flucht, ohne, dass man diesen aus den Augen verliert. Erst, wenn Abstand hergestellt wurde, dreht man sich um. Hängt natürlich von den Gegebenheiten ab.


    2. Flucht wird als SINGULÄRES Konzept verstanden, es fehlt die Berücksichtigung von Hilfe rufen, Öffentlichkeit, etc.- Der Vergleich mit der Tierwelt hinkt hier auch ein wenig, da prosoziales Verhalten da eher selten vorkommt.


    3. Richtung der Flucht: Zunächst weg. Annahme, dass Verbleib in der Situation "besser" ist, da die Flucht nicht gelingen könnte... Arbeit mit Wahrscheinlichkeiten: Selbst wenn meine Flucht nur zu 50% gelingt, ist das doch dem Versuch, mich einem oder gar mehreren Bewaffneten zu stellen, vorzuziehen! Mir fehlt die Berücksichtigung der Alternative: Alleine, oder gar mit "Ballast" gegen mehrere, klare, strukturiert und taktisch vorgehende Bewaffnete? Happy Birthday, ich bin tot/vergewaltigt/ausgeraubt. Ab zwei Leuten ist man so gravierend im Nachteil, dass ich kein Geld der Welt und erst recht nicht mein Leben, auf den Ausgang so eines Kampfes setzen würde. Erst recht nicht, wenn die Täter wie von Dir beschrieben agieren. Natürlich ist man nach misslungener Flucht im Nachteil. Ob der aber wirklich den Ausgang geändert hätte und damit relevant ist, wage ich zu bezweifeln. Zumindest vor dem Hintergrund, dass der Täter körperlich/geistig im Vorteil war.


    4. "Letztlich ist bei einer Flucht unbedingt darauf zu achten, keine persönlichen Gegenstände, wie z. B. Ausweispapiere, Schlüssel oder persönliche Unterlagen zurücklassen zu müssen." Warum? Weil ein Straßenräuber einen zu Hause aufsucht? Weil der Besoffski in der Disko Rache üben will? Oder weil der Triebtäter sein Opfer später erneut aufsucht? Was ist hier der Ausgangstäter?


    5. Flucht "ohne Komplikationen" ist als Ausgangspunkt meiner Meinung nach viel zu eng gefasst. Eine Verteidigung "ohne Komplikationen" nimmst Du ja auch nicht an (Siehe das Zitat am Ende zum "Einstecken").


    6. "Ebenso sind viele Täter methodisch sehr klar, kompromisslos aber auch aufmerksam." Ein Drittel der Täter ist alkoholisiert. (https://www.kenn-dein-limit.in…nter-alkoholeinfluss.html). Pauschalaussagen über Gewaltszenarien sind sinnfrei, da je nach Kontext eine Menge Faktoren ausschlaggebend sind.


    7. "Für eine Flucht muss – nicht kann oder sollte – der/die Flüchtende schneller und ausdauernder sein als der/die Täter." Dieser Gedanke setzt voraus, dass der Täter ein so starkes Interesse an der Verletzung/Eigentum/WasAuchImmer der Person hat, dass er ihr auch folgt. Siehe auch Punkt 8.


    8. Flucht wird hier AUSSCHLIESSLICH als "Wettlauf" mit einem/mehreren Tätern verstanden, die genauso motiviert sind, den Flüchtenden zu erreichen, wie dieser, aus der Situation zu fliehen... Die erfolgreiche Flucht wird als vollständiger Entzug verstanden, nicht als erreichen von Sicherheit, zB. durcdh Öffentlichkeit, Notruf o.ä.

    Zusammenfassend: Viele der von Dir genannten Aspekte, die eine Flucht erschweren, erschweren genauso den Kampf gegen die Angreifer. Mir fehlt eine Berücksichtigung der Alternativszenarien zur Flucht (auch, wenn das den Rahmen ggf. sprengt, wäre das hier wichtig!). Fluchtbegriff wird aus meiner Sicht zu eng ausgelegt. Durch die Generalisierung geht viel verloren, ich verstehe aber, warum das für so einen Artikel notwendig ist.

    Koryu ist kein Selbstverwirklichungsbaukasten!

  • Zum technischen Problem: Die Wahrscheinlichkeit, dass es an AdBlock liegt, ist hoch. Probier einfach mal einen anderen Browser, stell AdBlock mal aus... wie auch immer: probier einfach. Zum Rest: Danke für die Rückmeldungen. Mir ist aufgefallen, dass Deine Quelle von 2013 ist... gibt es da auch neuere Studien zu?

  • https://www.bka.de/DE/Aktuelle…dTV/bundTV.html?nn=131006

    Hab nur mal "Rohheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit insgesamt" (Raub, Körperverletzung...): Unter Alkohol 125.351; Insgesamt 599.077, also etwa 20,9% der Rohheitsdelikte unter Alkoholeinfluss. Da die Statistik sehr umfangreich ist, ist das nur ein sehr grober Richtwert.

    Technik: Ich probier mich durch, danke.

    Koryu ist kein Selbstverwirklichungsbaukasten!

  • Auch bei einem Messerangriff gibt es ja x verschiedene Szenarien. Kämpfen würde ich jedenfalls gegen jemanden, der ein Messer in der Hand hat, nicht wollen. Meine Strategie bewegt sich also irgendwo zwischen: "Ich geb ihm einfach meine Handtasche" bis zu "Ich werfe ihm mein Fahrrad ins Gesicht und laufe weg."


    Flucht ist meiner Meinung nach nicht nur "eine", sondern in ganz vielen SV-Szenarien die beste Option. Da liegt für mich ein ganz großer Unterschied zwischen dem oft heranzitierten, aber in der Realität (zumindest für eine Frau) eigentlich nie stattfindendem "Streetfight" und einem Szenario wie einem Raubüberfall/sexuellem Angriff o.ä. Bei zweiterem habe ich "gewonnen" wenn ich mich der Situation ohne körperlichem Schaden entziehen kann. Also ist Flucht mein oberstes Ziel. Möglichst nicht blind und panisch (ich bin auch keine besonders gute Läuferin), sondern evtl. nach einer kurzen Aktion zur Ablenkung (ein einzelner Schlag/Tritt z.B. (wobei, gegen ein Messer wohl eher nicht), irgendwas werfen, laut schreien, Pfefferspray, Trillerpfeife ... irgendwas, was die Reaktionszeit des anderen verzögert, auch wenn es nur für eine Sekunde ist ... beim Wegrennen ist eine Sekunde Vorsprung eine ganze Menge) und dann halt möglichst schnell irgendwohin, wo andere Menschen sind: Kneipe, Taxistand, Tankstelle.

  • Deeskalation, Flucht sind immer die ersten Möglichkeiten.

    Muss es zur SV-Handlung kommen, dann konsequent, mit allen Risiken und Möglichkeiten. Und wenn es nur das mir einen zeitlichen Vorteil verschaffen ist, sei es dem Angreifer was ins Gesicht zu werfen, zu spucken, etc.

    Mein Englisch ist zu schlecht. Ich löse das physikalisch!

  • Ich finde hier den Begriff Flucht zu eng gefasst. Die meisten üblen Situationen habe ich dadurch vermieden, dass ich einfach auf mein Gefühl gehort habe und meistens schon eine halbe Stunde bevor es gekracht hat, die Lokalität verlassen habe.


    Beispiel: Am Nebentisch sitzen 5 oder 6 Herren, die sich stark betrinken und Leute abschätzend anschauen. Mit der Zeit merkt man erste Anzeichen von Imponiergehabe (breiter Rücken, möglichst aufrechte Haltung, scharf ins Auge sehen, etc.). Ganz klar Zeit zahlen und zu gehen. Und ja, knapp ein halbe Stunde später hat es richtig gekracht in dem Laden.


    Wie sagte mein Sifu? "Situational Awareness". Das ist wohl eher das Zauberwort. Zum Glück ist meine "Antenne" in dieser Hinsicht sehr ausgeprägt und unabhängig vom Zustandsgrad ;-)

  • Armin : Ich hatte Paladin so verstanden, dass wir am Start der Auseinandersetzung sind, Deinen Vermeidungszeitpunkt also schon verpasst haben. Stimme Dir aber grundsätzlich zu, dass Situationsvermeidung ein wesentlicher Aspekt der SV sein muss.

    Koryu ist kein Selbstverwirklichungsbaukasten!

  • Armin : Ich hatte Paladin so verstanden, dass wir am Start der Auseinandersetzung sind, Deinen Vermeidungszeitpunkt also schon verpasst haben. Stimme Dir aber grundsätzlich zu, dass Situationsvermeidung ein wesentlicher Aspekt der SV sein muss.

    Ah, ich hatte tatsächlich den Text übersehen, den Paladin verlinkt hatte. Danke für den Hinweis.

    Hm, nun, ich mache es kurz: Wenn ich merke, dass sich eine "Situation" entwickelt und ich kann nicht mehr rechtzeitig den Abgang machen, dann gibt es - meiner Meinung nach - für mich nur eine Möglichkeit: Die Initiative übernehmen, die Lage eskalieren, den/die anderen so schnell wie möglich zu überrollen. Notwehr ist immer noch auch die Abwendung einer bevorstehenden Gefahr für Leib und Leben, ich muss also nicht darauf warten, dass jemand zuhaut. Oder sticht. Ich darf ausdrücklich präventiv angreifen.

    Ich spreche jetzt wieder von solchen Bar- bzw. Festzelt- Situationen. Jemand baut sich vor mir auf, macht einen auf dicke Hose und man merkt, wie sich sein Adrenalin sammelt. Dann nicht warten, bis er schlagbereit ist, sondern vorher den Schneid nehmen. Wenn alles klappt ;-) , dann kommt er nicht einmal mehr dazu sein Messer zu ziehen. Ach ja, wichtig: Ein paar Freund dabei haben, die einem den Rücken decken.